Kurzgeschichte: Weihnachtsbraten

Die Schiffssirene heulte noch einmal, jetzt bereits aus großer Entfernung, dann verschwand der festlich erleuchtete Dampfer hinter dem Horizont.

Nach Einbruch der Dunkelheit scharrten sie sich um das Feuer, zusammengekauert, Schutz suchend, nicht vor der Kälte der Nacht, sondern weil da etwas war, das stampfte durch den Busch, zerbrach Zweige, knickte Äste ab, trat nieder, was sich ihm in den Weg stellte, doch die lodernden Flammen ließen die Finsternis, die wie ein dunkles Tuch auf die Insel herabsank, nur noch tiefer wirken.

Waren wirklich erst wenige Stunden vergangen, seit man sie hier ausgesetzt hatte? Auf einem Eiland, weit ab von jeder Zivilisation mit nichts als einem Wohnwagen und einem Dixieklo, der Minimalausstattung für einsamkeitsliebende Ornithologen, die im Sommer im Auftrag einer australischen Universität monatelang hier hausten, um seltenen Vögeln beim Aussterben zuzuschauen.

Die Frauen hatten Feuerholz gesammelt, die Männer die Umgebung nach Essbarem abgesucht und Carsten war es gelungen, ein Tier zu erlegen, das er fachgerecht ausgeweidet und abgezogen hatte. Hilde, die Arme schützend um ihr Kind gelegt, warf ihm finstere Blicke zu.

„Hör schon auf, jetzt ist es eh zu spät.“ murmelte er und drehte den Braten über dem Feuer.

„Ach! Seit wann hast du denn so ein gutes Gefühl für das richtige Timing?“ giftete sie ihn an. „Warum konntest du denn auf dem Schiff nicht die Klappe halten, als es darauf ankam?“
„Genau!“ unterstützte ihre Schwester sie. „Alberner Kerl. Fragst einfach laut ins Krip-penspiel hinein, ob Engel Geflügel sind.“

Jemand kicherte, fing sich aber schnell wieder.

„Jedenfalls war es total überzogen vom Kapitän, uns deshalb wegen Meuterei von der AIDA zu weisen.“ beharrte Carsten. „Ausgerechnet auf eine der Weihnachtsin-seln.“

Hilde seufzte, es hatte tatsächlich keinen Zweck mehr, sich noch darüber aufzuregen. „Ich hoffe, du hast wenigstens daraus gelernt, nicht jeden Bock zu schießen, der dir in die Quere kommt. Apropos“, sie deutete auf Carstens Jagdbeute, „was für ein Tier ist das überhaupt? Woher hast du das?“

Carsten betrachtete das Rentier, das da über dem offenen Feuer brutzelte und so gar nicht zur Fauna der Insel passte.

Es prasselte erneut im Gebüsch, ein dicker Mann im roten Mantel brach aus dem Unterholz hervor. „Rudolf?“ rief er. „Rudolf?“

 

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9 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Weihnachtsbraten

  1. Wer hätte gedacht, dass der amerikanische Weihnachtsmann (zu unterscheiden von anderen Weihnachtsmännern durch das Rentier namens Rudolf) nicht mehr am Nordpol lebt, sondern Australier mit Migrationshintergrund ist? Ich wage nicht, mir vorzustellen, welchen Frevel man begehen muss, um auf der Osterinsel ausgesetzt zu werden.

    Ein schönes Weihnachtsfest wünsche ich dir
    Christa

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