Kurzgeschichte: Ohne Ochs und Esel

„Wir kommen wegen der Wohnung.“
Der Mann maß sie mit Blicken und es war nicht schwer zu erkennen, zu welchem Ergebnis er kam. Aus dem Haus erklang leise ein Weihnachtslied.
„Sie sind nicht von hier, oder?“
„Wenn ich jetzt ja sage, dann sagen Sie, das die Wohnung schon weg ist, oder?“ fragte der junge Mann, der einen Arm schützend um seine Begleiterin gelegt hatte.
„Nun werden Sie mal nicht gleich frech! Das ist ein freies Land und ich kann meine Wohnungen immer noch vermieten an wen ich will.“
„Maria – das ist meine Frau – sie… wir erwarten ein Kind.“

Wortlos verschwand der Mann in der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu. Das Pärchen starrte ihm nach und während dicke Schneeflocken vom Himmel zu fallen begannen, rollte eine Träne über die Wange der jungen Frau.
„Stopp! So geht das nicht!“
Die Tür öffnete sich, mürrisch trat der Vermieter wieder heraus.
„Mary, die Träne muss eher kommen.“ brüllte der Regisseur um dann leiser, an seine Assistentin gerichtet, zu ergänzen: „Mary Christmas… seit wann haben Kleindarsteller denn Künstlernamen?“
„Seit sie bundesweit und vor den Augen der Öffentlichkeit gecastet werden. Da ist Josef Zimmermann doch geradezu diskret.“
„Wie seine schauspielerische Leistung, total unauffällig. Ich kann mit diesen Amateuren nicht arbeiten.“ Mit großer Geste wies er auf die drei Darsteller, die unsicher vor der geöffneten Tür standen und sich den künstlichen Schnee aus den Haaren zupften.
„Hat sie die Rolle wirklich nur gekriegt, weil sie schwanger ist und Heiligabend Stichtag hat?“ mischte sich die Maskenbildnerin ein.
„Na, dann gäbe es ja wenigstens einen Grund, warum wir mit ihr arbeiten müssen!“ seufzte der Regisseur.

„Also, auf ein Neues… und Action.“
„Wir kommen wegen der Wohnung.“
Wenig später kam die Träne punktgenau und der Regisseur hob anerkennend die linke Augenbraue.
Die Szene erreichte ihren Höhepunkt. Schnellen Schrittes eilte ein gut gekleideter Herr auf das hoffnungslose Paar zu.
„Kaiser“ stellte er sich vor.
„Herodes? fragte der junge Mann.
„Nein, Kaiser von der Stuttgart-Stammheimer Bausparkasse. Damit auch Ihr Kind später einmal ein Spießer sein kann.“
Engel traten an die Seiten der beiden müden Gestalten, die Musik setzte ein und aus dem Off ertönte ein vertrauenswürdiger Bariton:
„Auf diesen Felsen können Sie bauen – WÜSTENTOR“

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