Kurzgeschichte: Folgefehler

 

Jules beschäftigt sich in seinem aktuellen Adventskalender mit dem Druckfehler und dem dafür verantwortlichen Teufel. Prompt fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit einen kleinen Text zu diesem Thema geschrieben habe:

„Schau dir die Seite 12 an!“, sagte sie und pfefferte mir das Buch auf den Schreibtisch. Ich tat, was man von mir verlangte – solange ich dafür bezahlt wurde oder keine plausible Ausrede finden konnte. Ich schlug also das Buch auf, suchte, las und fand ein Ohr, das heißt, eigentlich fand ich nur ein verrutschtes ‚h‘, aber das ließ das Wort Orthografie wie ein bildgebendes Verfahren beim HNO-Arzt aussehen.

„Tut mir Leid, Charlotte, aber weshalb muss ausgerechnet das Wort für Rechtschreibung so kompliziert sein, dass es kaum einer richtig schreiben kann?“ versuchte ich eine Entschuldigung mit integrierter Ausrede.

„Du weißt schon, dass wir entweder neu drucken müssen oder dieses doofe h mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren in der gesamten Republik verteilen?“
„Ja, Charlotte. Ich lasse mir was einfallen, versprochen!“
Wenn etwas noch schneller gemacht ist als ein Fehler, dann ist es ein leichtfertiges Versprechen. Aber falls mir bis zum nächsten Morgen nichts einfallen sollte, konnte ich mich ja immer noch krank melden. Es hätte also kein Grund zur Sorge bestanden, wären mir in jüngster Zeit nicht schon mehrere Fehler unterlaufen. Leider gab es völlig natürliche Erklärungen dafür: Nachlässigkeit und eine intuitive Rechtschreibung. Einfache Erklärungen sind oft richtig, noch öfter aber langweilig und überhaupt nicht hilfreich. Eine übernatürliche Erklärung hingegen… ja, die hätte was!

Ich rief ein paar Bekannte an und die Dinge nahmen ihren Lauf…
„Jetzt hast du es sogar auf Seite eins geschafft!“ In Charlotte Stimme schwang neben der gewohnten Empörung diesmal fast so etwas wie Anerkennung mit. Die Überschrift der ‚Aktuellen Tagespost‘ war aber auch vom Feinsten: „Exorzismus gegen Druckfehlerteufel?“ und darunter: “Unerklärliche Phänomene im Alma-Riedel Verlag“ und darunter ganz klein: „Ein Mitarbeiter des Alma-Riedel Verlags dementierte unserer Redaktion gegenüber, dass es in der hauseigenen Druckerei zu mysteriösen Vorfällen gekommen ist. Das gehäufte Auftreten von Fehlern habe gewiss eine natürliche Ursache, wenn diese auch noch unbekannt sei.“

„Dieser Mitarbeiter – das warst du, oder?“ funkelte mich Charlotte an. „Ein Dementi – und sofort denken alle, wo Rauch ist, da ist auch Feuer, stimmt’s?“
Ich versuchte Ahnungslosigkeit, Unverständnis und Ratlosigkeit gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen und hätte vermutlich auch ein paar Eide auf meine Unschuld geschworen, wäre nicht in diesem Moment die Verkaufsleiterin hereingestürmt.
„Wir werden mit Bestellungen zugeschüttet. Der Handel kann unsere Bücher gar nicht so schnell in die Regale räumen, wie die Kunden sie wieder raus holen. Alle wollen das Buch mit dem PSI-Faktor.“
„Meine Idee, Charlotte. Die Leute stehen eben auf ein bisschen Hokuspokus.“
„Wenn das nur gut geht…“ Kopfschüttelnd zog Charlotte ab.

Ich formulierte schon mal mein Schreiben an die Geschäftsleitung, in dem ich um eine Gehaltserhöhung bitten wollte und surfte dann ein wenig im Netz um zu sehen, wie die Reaktionen auf meine sensationelle Enthüllung ausfielen.

„Seite eins, schon wieder!“ Es wurde langsam zur Gewohnheit, dass mir Charlotte morgens die Lektüre vorschrieb.
„Diesmal hab ich aber nichts damit zu tun. Wirklich!“
„Das war mir schon klar! Lies!“
„Rätselhafter Büchervirus?“ stand da. „Gefahr für Sammler und Bibliotheken?“ Im folgenden Text zitierte die ‚ktuelle Tagespost‘ einen ungenannten Experten, der es für ausgeschlossen hielt, dass ein Büchervirus existieren, geschweige denn dafür verantwortlich sein könne, dass Buchstaben vertauscht und Texte entstellt wurden. Er für seinen Teil würde seine signierten Erstauflagen zwar nicht gerade neben ein Buch aus dem Alma-Riedel-Verlag stellen, doch…“

Noch mal rettete mich die Verkaufsleiterin nicht. Im ganzen Land flogen unsere Bücher aus den Regalen, der Handel stornierte seine Bestellungen.
„Experte! So ein Quatsch!“ entfuhr es mir. „Wie können denn die Leser nur so leichtgläubig sein?“
Charlotte lief rot an und ich fürchtete schon, dass sich im nächsten Augenblick ihre Locken glätten und die Haare zu Berge stehen würden, doch sie hob nur den Arm und wies auf meinen Schreibtisch.
„Ich denke, wir setzen den Virenscanner ein!“
Als ich sie ratlos anschaute, drückte sie mir den Duden in die Hand.

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2 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Folgefehler

  1. In der metafiktiven Romanserie über die Literaturagentin Thursday Next von Jasper Fforde wird im dritten Band über Bücherviren berichtet, die bevorzugt Wörterbücher heimsuchen. Es gibt den sogenannten „Mispeling Vyrus“ sowie „den NeuSchreib-Vyrus, der gegen jede Vernunft resistent ist“ (Seite 94) und der eine nette Anspielung auf die Deutsche Rechtschreibreform ist.
    Nachfolgend der Link zu meiner Besprechung:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/
    Belesene Grüße 🙂

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