Giacometti

Das Picasso-Museum Münster zeigt aktuell eine Ausstellung mit Werken von Alberto Giacometti. Ausstellung, Museum, Picasso, Giacometti – gleich vier Gründe, jetzt nicht weiterzulesen. Oder vier Gründe, jetzt weiterzulesen, je nach Gusto.

Da ich Betriebswirtschaft und nicht Kunstgeschichte studiert habe, bin ich natürlich prädestiniert, mich zu dieser Werkschau zu äußern. Betriebswirtschaftlich betrachtet ist Giacometti ein guter Anlagetipp. Picasso bringt zwar immer noch mehr, aber bei den Skulpturen ist Giacometti unschlagbar. Im Mai wechselte ‚der zeigende Mann‘ für 141,285 Millionen Dollar den Eigentümer. In Euro ist das weniger, reicht aber allemal.

Giacometti… wer war das auch noch gleich…? Der Schweizer, der, wenn er nicht gerade rauchte, eine Skulptur schuf… Nein, falsch, er rauchte auch während des kreativen Prozesses. Wir alle kennen seine überstreckten, ausgezehrten Gestalten. Allerdings ist das noch kein Alleinstellungsmerkmal, früher rauchten Literaten, Maler, Bildhauer und überhaupt alle, als würden sie dafür bezahlt, dabei bezahlten sie früher oder später. Ich erinnere nur an Thomas Mann.

Giacometti jedenfalls starb 1966, er wurde gerade einmal 64 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob der Kunstmarkt es gemocht hätte, wenn er länger gelebt und mehr produziert hätte. So ein abgeschlossenes Werk, wir Pseudofachleute sprechen da gern mal von einem Œuvre, sammelt sich gut. Es sei denn, es handelt sich um Salvador Dali. Giacometti ist tot und teuer. Er hat, den Biografen zufolge, nicht im Luxus gelebt und viel gearbeitet. Manche warfen und werfen ihm künstlerische Erstarrung vor. Mir fällt gerade Henning Mankells Wallander ein. Der Vater seines Kommissars Wallander wird langsam dement und malt immer wieder die gleiche Landschaft, mal mit und mal ohne Auerhahn. Auf den Auerhahn würde ich jetzt keinen Eid ablegen, ein Moorhuhn war es jedenfalls nicht.

Ein wenig ähnelte Giacomettis Arbeitsweise dem wohl. Vieles hat er sofort wieder vernichtet, weil es ihm nicht genügte. Das hat mir an ihm gefallen, diese konsequente Suche nach der richtigen Form. Es ging ihm wohl nicht darum, dass etwas dekorativ oder schön oder gefragt war. Der Ausdruck, dass, was Giacometti im Kopf, im Sinn hatte, das wollte er abbilden. Dafür nahm er immer wieder Anlauf. Im Picasso-Museum lief jedenfalls ein Dokumentarfilm über Giacometti, in dem der Meister am Werk war und deutlich machte, dass er immer und immer wieder nach dem gleichen Modell arbeiten wollte, weil er sich so auf die Augen, den Ausdruck konzentrieren konnte.

Ob das mit Sprache auch geht? Immer wieder und wieder die gleiche Geschichte erzählen, weil es nicht um die Geschichte geht, sondern um den Ausdruck, die Sprache, den Ton, das richtige Wort an der richtigen Stelle?

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13 Gedanken zu “Giacometti

  1. Interessant ist auch, dass man diese Giacometti-Dingens wohl auch so leicht fälschen kann!
    Der Fälscher-Untergrund wogt…

    interessanter Bericht von dir, Dankeschön dafür!
    Morgengrüßele vom Lu

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  2. Ich würde so gerne ein literarisches Projekt mit dir, Jules, Mitzi und noch zwei Weblog Autoren starten, indem jeder eine kleine Geschichte erzählt, die den selben Inhalt hat.

    Ich war in spanischen Figuerers im Dalimuseum. Unschätzbare Werte eines Künstler. Aber waren das wirklich Originale? Ich glaub’s nicht. Besonders absurd fand ich ein Seil, welches im Raum von einer Decke hing, zusammengesetzt aus Silberlöffel. 🤔

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  3. Irgendetwas irritiert mich an der Geschichte: Giacometti hat, so lese ich, lange um die richtige, die ideale Form gerungen. Und dann fälscht jemand 1000 (!) Skulpturen des Meisters (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/urteil-giacometti-faelscher-muss-fuer-mehr-als-fuenf-jahre-in-haft-a-1044910.html). Hat der Fälscher auch erfolgreich um die ideale Form gerungen? Oder können die versammelten Experten das, worum es Giacometti ging, nicht erkennen, so dass sie auf Fälschungen reinfallen? Oder hatte der Meister am Ende bei seinem Ringen gar nicht so viel Erfolg, wie er meinte?

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    • Was die Experten erkennen und was sie in ihren Expertisen bestätigen… Vor wenigen Wochen hat die Süddeutsche (oder die Frankfurter… aber das ist ja auch eine süddeutsche…) ausführlich darüber berichtet, wie durch Gutachten Werke, deren Herkunft alles andere als klar ist, bedeutenden Künstlern zugeschrieben werden. Der Markt schreit nach Originalen, dann müssen die eben auch her. Wo Geld ist, ist auch ein Weg.

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    • Danke für den Link zu dem Artikel. Was für eine… ja, wie nennt man das denn? Dreistigkeit? Sagt der Fälscher, der ein Geständnis ablegt und eine Menge geleistet hat, sich seine Haftstrafe wirklich erarbeitet hat, es sei keine böse Absicht gewesen? Schön zu wissen, dass es wenigstens unter den Kunstfälschern noch Menschen reinen Herzens gibt.

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  4. Ich bin sicher, das geht mit der Sprache auch, und dass Geschichten heute nur noch selten erzählt werden, ist ein großes Manko hinsichtlich der Bewahrung von Kultur. – Was mir an Giacometti besonders gefällt, ist, dass man sich kaum blamieren kann. Man erkennt seine Arbeiten auch dann sofort, wenn man sie nicht kennt.

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      • Hmmm… Vielleicht auch. Ich bin nicht sicher. Auf dem Gebiet der Kunst sind die meisten von uns eher Gläubige als Wissende. Wir glauben den Kunstpäpsten. Ohne sie wüssten wir bei vielen Kunstwerken nicht, was wir davon zu halten haben. Dank der Kunstpäpste aber können wir uns mit anderen Gläubigen auf eine Meinung verständigen. Künstlernamen, die jeder kennt und Wiedererkennungswert spielen da natürlich eine Rolle. Es ist ja auch viel mühsamer, seinen Bekannten vom Besuch der Ausstellung eines weitgehend unbekannten Künstlers zu berichten, selbst wenn einem dessen Arbeiten (ehrlich gesagt) besser gefallen haben als Giacomettis lange dürre Gestalten.

        Gefällt 1 Person

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