Kurzgeschichte: Und Du nicht!

„Herrschaften… wenn ich dann mal um Ihre Aufmerksamkeit bitten darf? Das Fotomaterial für die neuen Kampagnen ist rein gekommen. Die ersten beiden Bilder liegen Ihnen vor?“

„Schon wieder zu wenig Kopien? Dann appelliere ich eben an Ihr hoch entwickeltes – zumindest aber hoch bezahltes – Vorstellungsvermögen! Das größere Bild zeigt eine uns freundlich zugewandte Dame… mmh… unbestimmten Alters, Sie wissen schon, Zielgruppe Geldanlage, sitzt auf einer Parkbank vor einer Wasserburg. Gräfte rechts, bisschen Natur links und mittig.

Das kleinere… da sitzt ein Rasta-Mann, ziemlich fertig, Bob Marley für Arme. An einen Baum gelehnt und in eine Decke gehüllt. Pappe unterm Popo. Kippe im Anschlag. Links im Bild noch ein PKW-Scheinwerfer. Tristesse. – Fragen, Herrschaften? Ideen?“

„Die Deutsche Bank Kampagne? Keine Bank für jeden?“
„Nicht schlecht, Hillmann. – Ja, Frau Brendel?“

„Ihr Kapital arbeitet für Sie, während Sie sich eine Auszeit nehmen!“

„Hat was… obwohl… das wird den Herren aus der Vorstandsetage wohl etwas zu weit unten sein. Keine Kritik, Frau Brendel, aber das sind ziemlich biedere Köpfe… wenn’s mal nicht ums Geld geht.“

„Schulze?“

„Nichts gegen den kreativen Überschwang… darf ich dennoch für einen Moment analytisch an die Geschichte ran gehen?

Unsere Bankbesitzerin – beachten Sie mal, wie sie sich die Lehne greift, sie sich – ich sag mal: krallt! Sie hält ihre Bank fest, die freie Hand zur Faust geballt. Die sitzt da nicht zum Spaß, die kämpft, verteidigt, was sie hat. Westfalen, wie es am besten ist. Die zeigt dem Sozialstaat die Zähne!

Zimmer frei? Klar, aber die rutscht nicht in Hartz 4. My home is my castle oder eben my castle is my home. Schluss mit ‚Du bist Deutschland!‘ Die message ist – und es wird Zeit, dass wir dazu stehen: ICH bin Deutschland – und DU nicht!

Ich pack an und Du kannst einpacken. So stell ich mir das vor. Und der Rastamann… der personifiziert das echte Elend. Ganz was anderes als diese pittoreske Armut aus dem Süden, die bettelnde Kosovo-Mama mit hilflosem Kleinkind. Die rührt uns an, da müssen wir gegen den Reflex kämpfen, ins Portemonnaie zu greifen – aber der Typ, den können wir ablehnen. Der steht für nichts, das uns schützenswert ist.

Sie kennen dies Graffiti „Eure Armut kotzt mich an!“ Nicht mein Sprachgebrauch – aber besser könnte ich es nicht sagen. Dies Foto zeigt Michel und Lieschen Müller, da gibt es einen, dem geht es dreckiger als dir. Hör auf zu jammern, leiste was, sonst sitzt du auch bald da. Und wenn ich das jetzt mal auf einen Slogan bringen darf…“

„Entschuldigung.“

„Ja, Ravemeier, müssen Sie denn gerade jetzt hier rein platzen? Sie stören den kreativen Prozess! Schulze wird Ihnen das bestimmt sehr übel nehmen. Also, was wollen Sie denn überhaupt?“
„Wegen der Fotos… da hat es eine Verwechslung gegeben, hier sind Ihre für die Deutsche Bank Sie haben die leider Abzüge der privaten Familienfotos vom Chef.“

Advertisements

3 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Und Du nicht!

  1. Deine Kurzgeschichte illustriert wunderbar die Interpretierbarkeit der Fotografie. Mit dem richtigen Text versehen, kann ein Foto vieles bedeuten, wie auch am Beispiel der Bildzeitungsfälschung von 2001 zu sehen, wo man ein Foto von Jürgen Trittin bei einer Demo untertitelte, er sei mit „Bolzenschneider“ und mit „Schlagstock“ unterwegs gewesen und später richtigstellen musste, Trittin habe nur ein Halteseil in der Hand gehabt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s