Peter Weiss

„Peter Weiss 1982“ von Dietbert Keßler - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Weiss_1982.jpg#/media/File:Peter_Weiss_1982.jpg

„Peter Weiss 1982“ von Dietbert Keßler – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Weiss_1982.jpg#/media/File:Peter_Weiss_1982.jpg

Was ich gerade lese? Mal abgesehen von der täglichen Dosis auf WordPress? Eine Tageszeitung, Fachliteratur, mal schnell ein paar Seiten eines Romans (‚Landgericht‘ von Ursula Krechel) – und das war es auch schon. Busfahren und Lesen gehen für mich nicht zusammen, wenn ich aber ein Hörbuch im Bus beginne, höre ich es auch im Zug weiter. Also gibt es – für mich – im ÖPNV nur Hörbücher.

‚Die Ästhetik des Widerstands‘ von Peter Weiss hatte ich mir schon lange vorgenommen. Die Bücher erschienen zwischen 1975 und 1981 und fanden in der damals noch vorhandenen linken Öffentlichkeit große Beachtung. Offensichtlich hechele ich der literarischen Welt in einem Abstand von 40 Jahren hinterher, wenn ich einmal daran erinnern darf, dass meine Ausgabe von Otto Jägersbergs Weihrauch und Pumpernickel auch aus dem Jahre 1975 stammt.

Okay, das Hörspiel zu Peter Weiss Buch ist erst 2007 erschienen, ich bin also noch recht früh dabei. Ich habe nur acht Jahre verstreichen lassen, bis ich endlich dazu kam, mich mit diesem Werk zu befassen. Mag sein, dass der Titel mich eingeschüchtert hat, mag sein, dass es die Preise der Bücher bzw. des Hörbuchs waren. Jetzt steht es zum Download im Hörspiel-Pool des Bayerischen Rundfunks zur Verfügung. Zwölf Teile mit einer Spielzeit von jeweils ca. 50 Minuten.

Da ich erst bei Teil 5 bin und die Teile 1 bis 4 mindestens zweimal gehört habe, die Gründe dafür habe ich in meinem Beitrag ÖPNV zu erläutern versucht, kann ich noch nicht viel sagen. Ein guter Moment also, einen Bericht abzugeben. Theaterkritiker, hier auf dem Lande zumindest, warten ja auch nicht bis zum Schlussapplaus, sondern gehen gern mal schon in der Pause, weil es noch eine Versammlung der Schützen gibt, bei der auch ein Buffett aufgebaut ist und die Getränke ohnehin frei sind. Also los.

Peter Weiss lässt seine Hauptperson, einen jungen Mann, einen Proletarier, wie es ihn seit dem Ende des zweiten Weltkriegs nicht mehr gibt, den Faschismus in Deutschland und den spanischen Bürgerkrieg erleben. Neben der sehr bewussten Ablehnung des NS-Regimes steht die klare Identifikation mit der russischen Revolution und der daraus entstandenen Herrschaft der kommunistischen Partei in Russland. In den dreißiger Jahren finden dort die Schauprozesse und anschließenden Hinrichtungen ehemals führender Köpfe der KP statt. In der deutschen Linken wird jede Kritik daran vermieden.

Der Titel ‚Ästhetik des Widerstands‘ hat sicherlich damit zu tun, dass die Protagonisten ihre Weltsicht immer wieder an bildender Kunst, Theater und Literatur schulen. So werden Kafka, Breughel oder Picasso, aber auch der Pergamon-Altar jeweils auf ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre Aussagen zur Lage der Arbeiterklasse überprüft. Generell ist die Bedeutung von Bildung, gerade auch kultureller Bildung ein großes Thema des Werkes.

Was in meiner Darstellung sehr trocken klingt, ist es dann doch nicht. Robert Stadlober und andere gestalten das Hörbuch, das kein Hörspiel ist. Es wird also nicht mit verteilten Rollen gelesen, dafür wird eine Textzeile schon einmal von einem zweiten Sprecher wiederholt. Kurze irritierende Klangcollagen unterbrechen den Text immer wieder. Es entfaltet sich ein Bild der Zeit aus einer ganz klaren politischen Weltsicht, etwas, das in unsere heutige Weltsicht so gar nicht mehr zu passen scheint.

Peter Weiss hat ein sehr intensives, durchaus auch anspruchsvolles Werk geschaffen, das mir auch die Auseinandersetzungen innerhalb der bis in den Widerstand hinein zerstrittenen deutschen Linken nahebringt. Wer allerdings herkömmliche Spannung oder gar Humor sucht, wird mit der ‚Ästhetik des Widerstands‘ nicht glücklich. Und genau das ist der Grund, warum ich bald einen Beitrag über Louis Paul Boon schreiben werde.

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5 Gedanken zu “Peter Weiss

  1. Mal abgesehen davon, dass mich das – ehrlich ge’sagt‘ – nicht interessiert, könnte ich ‚Schweres‘ im ÖPNV nicht lesen, hören schon gar nicht, weil ich ein stark visueller Lerntyp bin. Auch bei uns ist es so ‚lebhaft‘, dass ich ständig abgelenkt bin.
    LG, Ingrid

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    • Ja, man muss schon ein wenig selbstquälerisch veranlagt sein, um sich die Auseinandersetzungen der deutschen Linken in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts anzuhören. Nein, im Ernst: Ich komme auch über den zweiten Bildungsweg und habe mir meinen Zugang zu Kunst und Literatur zunächst einmal selbst erarbeiten müssen, mir fehlt da die klassische humanistische Bildung. Deshalb interessiert mich, wie die „Arbeiterjugend“ in einer bildungsfeindlichen Umwelt um diesen Zugang rang. Und warum sie es tat.

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  2. Würde ich keine Hörbücher hören, wäre mein Literaturkonsum zurzeit nicht der Rede wert, denn wenn ich zu Bett gehe und endlich Zeit zum Lesen hätte, sind meine Augen dazu nach Stunden am Computer-Bildschirm nicht mehr bereit. Dafür lese ich im ÖPNV – wenn auch eben weniger als früher, als ich täglich den Weg zur Arbeit und wieder nach Hause sinnvoll nutzen wollte.

    Zum Alter von Literatur: Ich denke, wirklich gute Literatur weist sowohl über die Zeit ihrer Entstehung als auch über ihre Handlungszeit hinaus. Das eben zeichnet sie ja aus. Du kannst also hinter guter Literatur nicht wirklich hinterher hinken (und wenn doch, hinkst du zumindest in die richtige Richtung). 🙂

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      • Mir haben das Lesen in Blogs und der Austausch auch gefehlt, aber ich musste mich einfach mal hundertprozentig auf das Fertigstellen der Hopper-Seiten konzentrieren, weil ich zu dicht davor war, das Projekt frustriert in die Ecke zu schmeißen. Da hilft bei mir keine Pause, sondern nur, gnadenlos am Ball zubleiben.

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