Kurzgeschichte: Pfennigkram

Bahnhof_Hagen_Hbf_03_Bahnhofshalle

Das Taxi – schwarz, wie alle Taxen jener Zeit – kam rechtzeitig, aber nicht pünktlich, was genau den Unterschied zwischen in Ruhe und in aller Eile ausmachte. So war es eigentlich immer, wenn wir reisten, dabei reichte mein Vater in Normalform schon aus, um Einfluss auf das Wetter in der Region, na schön, zumindest das Klima in der Familie zu haben. „Ilse!“ rief er, während wir seinen hochroten Kopf bewunderten, „Wir verpassen den Zug!“

Wir haben nie einen Zug verpasst, geschweige denn irgendein anderes Verkehrsmittel, denn jeder Taxifahrer beschleunigte auch über das zulässige Maß hinaus, nur um uns und unser hektisches Familienoberhaupt so rasch wie möglich wieder loszuwerden. Mehrere Koffer, die im Dienste der Familie schon so manchen Stoß hatten aushalten müssen und Belastungen, die im Gegensatz zu ihnen nicht von Pappe waren, treu ertragen hatten, wurden ein- und wenig später vor dem Hauptbahnhof wieder ausgeladen. Vier Mark neunzig zeigte der Taxameter und der Fahrer winkte ab, als Vater ihm fünf Mark in die Hand drückte und großzügig auf den Rest verzichten wollte. „Hier, Kurzer, aber nicht alles vertrinken!“ grinste der Mann und spendierte mir den Groschen.

Im Bahnhofskino lief der Beatlesfilm „Hi-Hi-Hilfe!“, aber ich wusste ja noch nicht, was ein schlechtes Omen ist. Papa raste schon durch die Bahnhofshalle, in der es damals weder Hamburger noch Coffee-to-go gab, höchstens eine Bahnhofsbuchhandlung, eine Bahnhofsgaststätte, Toiletten zweifelhafter Qualität – und natürlich Bahnsteigkarten, die für den geringen Preis von 20 Pfennigen dazu berechtigten, vom Bahnsteig aus dem abdampfenden Zug nachzuwinken, was zu jener Zeit ohne das Schwenken eines Taschentuchs undenkbar gewesen wäre.
Papa hatte inzwischen die Fahrkarten erworben, mit deren Besitz das Privileg verbunden war, auch ohne Bahnsteigkarte den Bahnsteig zu betreten – natürlich vorbei am Bahnsteigwärter, der ordnungsgemäß mit einer Zange ein Löchlein in die Karten der Nichtreisenden stanzte.
Natürlich und wie immer hatten wir zu viel und zu schweres Gepäck, das mitten auf dem Bahnsteig zu einer Art Pyramide geschichtet wurde.

Muss ich erwähnen, dass unser Zug noch nicht da war? Die Zeit hätte bequem gereicht, um einen Groschen in den Automaten in der Halle zu werfen, Sie wissen schon, diesen Glaskasten, in dem ein Affenorchester in Uniform ein Musikstück zum Besten gab, dass sich sonst niemand freiwillig angehört hätte. Aber nein, wir harrten ja auf dem zugigen Bahnsteig aus… bis auf meine kleine Schwester, die musste natürlich mal wieder, konnte unmöglich warten bis der Zug kam und konnte selbstverständlich nicht allein gehen, also zog Mutter mit ihr los.
Kaum waren sie außer Sicht, nahm Vater den Blick praktisch gar nicht mehr von der Bahnhofsuhr, denn es dauerte zwar noch fünfzehn Minuten, bis der Zug einlaufen sollte, aber wer konnte schon wissen, wie sich das Raumzeitkontinuum in nächster Zukunft entwickeln würde? Immerhin waren wir zu zweit, das Gepäck also vor dem unbefugten Zugriff Dritter gesichert, der, davon war ich überzeugt, mindestens so sicher wie unser Zug zu erwarten war, wozu hätte die Deutsche Bundesbahn denn sonst die Schilder angebracht, auf denen vor Taschendieben gewarnt wurde? Andererseits…

So etwa soll es sich abgespielt haben: „Na, da seid ihr ja endlich wieder!“
„Endlich? Es dauert noch fünf Minuten, bis der Zug kommt, Theo!“
Vater konnte die Augen wieder von den Zeigern der Bahnhofsuhr lassen. die er durch Willenskraft zurückzuhalten versucht hatte.
„Wie schön, unsere Koffer sind alle noch da.“ freute sich meine kleine Schwester, „Aber wo ist Klaus?“
„Oh Gott, der Junge ist weg!“ Vater schwieg, denn wenn er sich zu sehr aufregte, verschlug es ihm die Sprache.

Ich stand jenseits der Bahnsteigabsperrung. Für das Affenkonzert hatte der geschenkte Groschen gereicht, an die zwanzig Pfennig für die Bahnsteigkarte hatte ich nicht gedacht. Aber ich würde gewiss dabei sein, wenn die Sprachblockade meines Vaters sich wieder löste.

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5 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Pfennigkram

  1. Deine herrliche Geschichte trifft mich Eisenbahnromantiker ins Herz. Was den Vater quälte, kannte der Reisende schließlich der Werbung, die wie eine leise Drohung auf jedem deutschen Bahnhof hing. Es war ein Emailleschild. Darauf war mit wenigen Zeichenstrichen ein Bahnsteig dargestellt. Ein Zug rollt gerade aus dem Bahnhof, man sah nur noch die rote Laterne. Im Vordergrund ein Mann mit Koffern, der sich mit einem Taschentuch die Stirn wischt. Es ist sein Zug, der da wegfährt. Doch ihm wird Hilfe angeboten:

    Der Zug ist weg,
    auf diesen Schreck:
    Klarer mit Speck!

    Der Mann geht wieder in den Wartesaal zurück, der Ober mit seiner langen weißen Schürze kommt und fragt, was er denn bringen dürfe. Der Mann nimmt eine Limonade. Und der Kellner öffnet den Kronkorken der Flasche an seinem Tisch und gießt ihm ein. Da denkt der Mann: Ach, gar nicht so schlimm. So sitze ich wenigstens noch einmal in Ruhe im Wartesaal und trinke Bluna.
    Es war ein anderes Reisen, nicht so hektisch, cool und schnieke wie jheute mit dem ICE.Und es war Zeit darin, von der wir jetzt wissen, dass der Vater das Zeitkontinuum gekrümmt hat, weil die Tochter noch mal Pipi musste.

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  2. Bahnhofsgaststätten hatten auch einen ganz speziellen Reiz, Kartoffelsalat und Würstchen oder das kalt gereichte Kotelett, ein Kaffee oder ein Bier und selbstverständlich ein Aschenbecher auf jedem Tisch. Braunes Holz an den Wänden, auf dem Boden. Bluna? Die habe ich erst um 1966 in Niedersachsen kennen gelernt. Bei uns gab es Sinalco.

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