Obwohl…

Wir hatten Besuch aus den Niederlanden. Lebenswege sind manchmal kompliziert, obwohl… Jonathan Franzen hat gesagt, „obwohl“ sei für ihn das schönste deutsche Wort, also kann ich dieses Wort nicht mehr einfach so verwenden, es wirkt so, als wissen ich, was Jonathan Franzen darüber gesagt hat und würde es nur deshalb schreiben, was ich aber nicht tue, also schreibe ich besser nicht mehr „obwohl“, sondern versuche das zu umgehen, aber wie kann man „obwohl“ ersetzen?… Ich hab es gegoogelt: wenngleich.

Lebenswege sind manchmal kompliziert, wenngleich… Entschuldigung, aber das klingt ja nun überhaupt nicht, oder doch schon, es klingt, aber es klingt so, als hätte mitten im Satz mein Großvater übernommen. Den ich übrigens nie kennengelernt habe. Das heißt, eigentlich hat man ja zwei davon, ich habe weder den einen noch den anderen kennengelernt, weiß also auch nicht, ob die Herren, zu denen ich nie Opa gesagt habe, „wenngleich“ gesagt oder geschrieben hätten. Eher nicht.

Mein Großvater mütterlicherseits – das Wort habe ich auch noch nie geschrieben – war Telegrafenbeamter in Ostpreußen. Vermutlich beim Telegraphenamt I, das der Oberpostdirektion Königsberg zugeordnet war. Falls er, preußischer Beamter der er war, dem nichttechnischen Dienst angehörte, könnte „wenngleich“ zu seinem Wortschatz gehört haben. Aber er war wohl eher im technischen Dienst. Ich habe gerade kein Foto von ihm da, aber wer trotzdem einen Eindruck haben will: Einfach mal vor den Spiegel stellen und zwei Finger unter die Nase. Nein, nicht so, sondern quer!

Mein Großvater väterlicherseits ist mir nicht einmal von Fotos bekannt, ich trage nicht mal seinen Nachnamen, weil… aber das führt jetzt wirklich zu weit! Jedenfalls sind wir mit ihm im Sudetenland, einem Landstrich, der zur Tschechoslowakei gehörte, in dem aber auch viele Deutsche lebten. Man sprach deutsch… aber was für ein Deutsch. Na gut, ich verallgemeinere, schließe von meinem Vater auf ein ganzes Land. Wenngleich hätte man dort nicht gesagt, vielleicht noch zu K.u.K-Zeiten, aber nicht in der Familie meines Vaters. Das waren Leute, die einen Gasthof betrieben, mit etwas Landwirtschaft nebenher oder umgekehrt, Landwirtschaft mit einem Gasthof nebenher, wer weiß das schon.

Also wenngleich ich das jetzt ausprobiert habe, kann ich mich nicht durchringen, wenngleich in meinen Wortschatz aufzunehmen. Andererseits mag ich es, Wörter und Redewendungen zu verwenden, die vom Aussterben bedroht sind. Ob es da eine Art rote Liste gibt? Auf der „obwohl“ jetzt nicht mehr steht, weil es dank Jonathan Franzen gerade eine Blütezeit erlebt? Oder auf der „obwohl“ nie gestanden hat, weil es einfach praktisch ist? Jedenfalls haben wir es im Gespräch mit unserer niederländischen Besucherin kein einziges Mal gebraucht und auch nicht vermisst. Obwohl Lebensläufe nicht nur manchmal kompliziert sind, sondern eher die unkomplizierten die Ausnahme seien dürften und überhaupt habe ich vergessen, was ich erzählen wollte. „Überhaupt“ sagen die Niederländer übrigens gern. Obwohl: Was heißt schon gern?

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16 Gedanken zu “Obwohl…

  1. Die zugegeben nicht so schönen Konjunktionen „obschon“ und „obzwar“ als Synonyme möchte ich deiner Sprachbetrachtung noch beisteuern. Grammatisch ist „obwohl“ ja eine Konjunktion, die den Konzessivsatz einleitet, also den Satz der Einräumung. Bevor du hier ausdrücklich mitgeteilt hast, was Jonathan Franzen über „obwohl“ sagt, habe ich es nicht gewusst und will die Konjunktion weiterhin unbefangen verwenden, obwohl ich jetzt weiß, dass „obwohl“ das schönste deutsche Wort ist für einen englischsprachigen Autor. Obwohl ich grundsätzlich dagegen bin, dass Wörter prämiert werden wie Frankfurter Würste, gefällt mir, dass du dadurch zu dieser hübschen Sprachbetrachtung angeregt worden bist und die Gelegenheit wahrnimmst, einiges über deine Großväter mitzuteilen. Und bei deinem Hinweis von den Fingern unter der Nase, musste ich ziemlich lachen.

    Gefällt 2 Personen

    • Obzwar wirkt tatsächlich wie eine Laubsägearbeit, wiewohl wäre auch noch im Angebot, klingt aber auch nach juristischem Seminar im 19. Jahrhundert. Wenn nötig, lässt sich mit einem solchen sprachlichen Arsenal auch Distanz schaffen, es hat ein gewisses Abschreckungspotenzial. Franzen schätzt an obwohl die Nachdenklichkeit, die Möglichkeit, dass alles eben auch ganz anders gesehen werden könnte. Einer meiner Teilnehmer meinte, es sei sehr reizvoll, einen zweistündigen Vortrag mit einem „obwohl…“ zu beenden und dann abzugehen. Obschon… nein, du hast Recht, das geht auch nicht leicht von der Hand.

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    • Franzen schreibt dicke Bücher und gibt vermutlich gern Interviews. Da er ganz ordentlich Deutsch spricht, ist es durchaus möglich, dass er über „eigentlich“ schon mal nachgedacht hat. Aber, um es mit Karl Kraus zu sagen: Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.

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