Kurzgeschichte: Besuchszeit

«Was sich erhebt, das will auch wieder enden,
was sich erlebt – wer weiß denn das genau,
die Kette schließt, man schweigt in diesen Wänden
und dort die Weite, hoch und dunkelblau.»
Gottfried Benn: Blaue Stunde

Wann sind wir endlich da?
„…Möchtest du noch einen Keks?“
„…sehe ich mittelfristig in einer Führungsposition, wenn…
„…Kannst du nicht mal still sitzen?“
„So nicht, sag ich ihm… oder hätte ich ihm sagen sollen.

Satzfetzen. Ich schaute aus dem Fenster, wieder mal, war des Sehens längst überdrüssig für diesen Tag, mochte nicht mal mehr lesen.
Die Sonne war fast schon hinter den Hügeln verschwunden, ein eigenartiges Licht lag über der Landschaft, ließ einen Baum, ein Haus wie im Scheinwerferlicht hervortreten und tauchte im gleichen Augenblick ein ganzes Dorf in trostloses Grau. Schmale Wölkchen lagen über den Hügeln, zartrosa und tief dunkelblau…

Mag sein, dass ich einen Moment eingenickt war, jedenfalls war urplötzlich diese Stimme da, leiser als die anderen, so schien es mir und doch drang sie zu mir durch.
„Sonst weiß niemand davon. Es ist…“, er sprach noch etwas leiser, „eine Art Geheimnis.“
Ich sah zu ihm hinüber, unauffällig, unbemerkt, wie ich meinte.
„Nur meine Mutter und eine sehr gute Freundin, eine Schamanin. Und jetzt natürlich Sie. Frauen haben wohl einen besser ausgeprägten Sinn für die verborgenen Realitäten, für die dunkleren Seiten des Lebens..“
Ich warf einen prüfenden Blick auf seine Gesprächspartnerin. Lohnte der Aufwand?

Eine fast unverständliche Durchsage übertönte seine Stimme.
„…erreichen in wenigen Minuten… auf Gleis zwei… Sie haben Anschluss an den Regionalexpress nach…“
Nicht das ich neugierig gewesen wäre, es war mehr die Langeweile, die mich dazu veranlasste, der tiefen, schmeichelnden Stimme im Lärm des Abteils nachzuspüren.
„…dem Friedhof, das erste Mal. Nichts hab ich mir dabei gedacht, ich sah diese Leute dort stehen, vielen von ihnen sehr alt, aber dann fragte ich meine Mutter, warum die da stehen – und sie fragte Wo? Da habe ich verstanden, dass Mutter sie nicht sehen konnte. Keine Ahnung, wieso ich diese Gabe habe, ich hab sie mir nicht gewünscht, aber jetzt weiß ich, dass es die Verstorbenen sind… oder eben ihre Seelen, die an den Grabsteinen warten. Die, die sich nicht verabschieden konnten.“

Reisende standen auf, Jacken wurden angezogen, Koffer aus der Gepäckablage gehoben. Dann war er wieder zu hören.
„Ja, genau das habe ich dann auch getan. Es ist meine Aufgabe, meine Pflicht, so fühle ich es, zu den Angehörigen zu gehen und ihnen zu sagen, ihr Mann, ihr Bruder, ihr Kind steht auf dem Friedhof, neben dem Grabstein und kann nicht in Frieden gehen, weil es nicht Abschied nehmen konnte. Das bin ich ihnen schuldig, den Lebenden und den Toten.“
Was antwortete die Frau? Ich strengte mich an, aber ich verstand kein Wort.
„Geld?“ fragte er. „Aber nein. Es geht mir nur um den Seelenfrieden dieser Leute. Gut, meinen Beruf musste ich aufgegeben für die gute Sache, aber ich habe natürlich Kosten, ich reise, ich bin ein sparsamer Mensch, aber auch ich muss essen. Deshalb schlage ich die Spenden nicht ab, die dankbare Menschen mir antragen. Darf ich Ihnen übrigens meine Karte geben?“

Die Bremsen kreischten, es ruckte und kurz darauf stand der Zug. Endstation. Als einer der letzten verließ ich das Abteil, da bemerkte ich ein Stückchen Pappe, dass noch auf dem Sitz des Mannes lag. Ich sah mich nach ihm um, aber er war schon ausgestiegen. Zögernd nahm ich seine Visitenkarte an mich. Als ich den Bahnsteig betrat, schlich sich gerade das letzte Licht des Tages davon.
Ich bin nicht abergläubisch. Nicht mehr als die meisten anderen Menschen auch. Schwarze Katzen, zerbrochene Spiegel, Leitern, Schornsteinfeger, Horoskope, ein Talisman, Glückpfennig im Portemonnaie – das war es eigentlich auch schon. Dennoch rief ich ihn am nächsten Tag an. „Charon“ stand auf seiner Karte und eine Handynummer. Hätte ich über die entsprechende Bildung verfügt, hätte ich gewusst, dass der Fährmann, der in der griechischen Mythologie die Toten über den Fluss Styx geleitet, Charon heißt, aber ich war ahnungslos und dachte, es wäre tatsächlich der Name des Mannes, wie Ariel Sharon oder Sharon Tate eben. Wir verabredeten uns für den gleichen Abend.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit betrat ich den reformierten Friedhof, der an einem kleinen Hang lag und dessen jahrhundertealte Grabsteine keinem Muster, keiner Friedhofsordnung folgten und verwitternd, bröckelnd, schief und krumm an Menschen gemahnten, deren Spuren in der Stadt längst vergangen waren und deren Namen oft nicht einmal mehr die Grabsteine behalten hatten. Dieser bei Tageslicht fast romantische Ort leerte sich, kaum schwand das Tageslicht und wurde ganz zum stillen Ort der Toten.
Charon, der mit bürgerlichem Namen Max Scheeper hieß, erwartete mich am schmiedeisernen Tor und begleitete mich zum Grab meines Onkels Arno.

„Haben Sie den Umschlag mit der Spende dabei?“
Ich schob ihm einen Umschlag zu, den er sogleich in der Jackentasche verschwinden ließ. Nach allen Seiten Ausschau haltend, hier und da grüßend schritt er neben mir über den menschenleeren Friedhof und murmelte zwischendurch Anweisungen. Ich hatte ihm erzählt, dass mein Lieblingsonkel Arno vor wenigen Monaten plötzlich und unerwartet … jedenfalls hatte ich nicht mehr die Gelegenheit gehabt… und nun fürchtete ich, dass Onkel Arno neben seinem Grabstein auf mich warten müsse, bis ich meinen Neffenpflichten nachgekommen und ihn besucht hätte.

„Keine lauten Worte, keine Selbstvorwürfe. Wenn ich ihn sehe, gehen wir gemeinsam zu ihm. Sie legen die Blumen aufs Grab… alles weitere entscheiden wir dann vor Ort.“ Scheeper fasste mich am Oberarm und leitet mich jetzt weiter, offenbar wusste er genau, wo Onkel Arno auf uns wartete. Scheeper nickte respektvoll und knetete wieder meinen Oberarm, also nickte ich auch und legte die Blumen ab.
„Wo ist eigentlich dein Testament geblieben, Onkel Arno?“ frage ich in die Stille hinein und Scheeper ließ überrascht meinen Oberarm los, während er wie ein perforierter Fahrradreifen zischte, um mich zur Ruhe zu bringen.
„Daniel, bist du das? Im Werkzeugkasten in der Laube ist das Testament.“
Charon alias Scheeper zuckte zurück, ließ meinen Arm los, als habe er sich daran die Finger verbrannt und stürmte auch schon dem Ausgang entgegen, so eilig, dass er meinen alten Kumpel Martin nicht mehr kennen lernen konnte, der verabredungsgemäß hinter der Hecke am Grab auf uns gewartet und den Arno gegeben hatte.
„So eine Flitzpiepe.“ Martin schüttelt den Kopf.
„Flitzpiepe? Das ist ein mieser kleiner Ganove, der unglücklichen Menschen das Geld aus der Tasche zieht!“
„Genau!“ sagte Onkel Arno.

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Besuchszeit

  1. Der Mann mit dem bedeutungsschwangeren Namen Charon ist also ein Betrüger, schafft es aber immerhin, den wahren Onkel Arno auf den Plan zu rufen. Zum Thema Erscheinungen fällt mir der Malerdichter Willam Blake ein. Im Traum erschien ihm sein verstorbener Bruder und erklärte ihm eine neue Drucktechnik.

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