Kurzgeschichte: Chatland

EiszeitViertel vor vier. Zu früh, viel zu früh! Nur zwanghaft korrekte Spießer würden so überpünktlich kommen, das würde sie denken, das stand für ihn zweifelsfrei fest. Ohnehin fühlte er sich viel sicherer, wenn es darum ging, sich ihre Gedanken und Wünsche vorzustellen. Seine hingegen! Er wollte nicht einmal wissen, wie er fühlte und was er dachte, war froh, dass er sich auf der Ebene des Handels bewegen konnte. Bewegen, das war’s, das half gegen die Panik.

Ein weiterer Grund, hier jetzt nicht rein zu gehen und auf sie zu warten. Er musste weiter. Drei Minuten vor vier, das wäre ein gutes Timing… oder nein, da musste sie doch denken, dass er seinem Auftritt entgegenfiebernd einen Block weiter gestanden hatte, den Blick auf die Armbanduhr gerichtet…58 – 59 – 60. Jetzt! Auf keinen Fall, das ging ja überhaupt nicht.

Er schritt zügiger aus, obwohl er langsam müde wurde. Hatte einfach zu wenig geschlafen, vergangene Nacht. Nachmittags hatten sie noch miteinander gechattet und er hatte es gewagt, sie um dieses Treffen zu bitten. Werner aus der Registratur hatte ihm dazu geraten… na ja, geraten. „Es gibt Verlobungen, die dauern nicht so lange, wie deine platonischen Chatgeschichten.“ hatte Werner gesagt. Chatgeschichten, Bettgeschichten… ordentlich warm wurde ihm, er ging schneller, obwohl er jetzt wirklich sehr müde war. „Du, kannst du mir den „Herrn der Ringe“ leihen? Du hast ihn doch schon gelesen.“ hatte sie geschrieben. „Gebongt! Übergabe morgen 16:00 Uhr, Cafe Eiszeit.“

Es stimmte, nirgendwo wurde so viel gelogen wie im Internet. Er hatte den Herrn der Ringe überhaupt nicht gelesen, kannte aber wenigstens die Filme, na ja, zumindest den ersten. Also hatte er schnell noch das Buch gekauft und feststellen müssen, dass es sogar drei waren. Als Geschenk einpacken lassen – und zuhause gleich wieder ausgepackt. Er konnte ihr doch nicht gleich mit so einem teuren Geschenk kommen. Sie würde doch denken, dass er sie kaufen wollte… was er ja eigentlich auch hatte tun wollen – aber denken sollte sie das doch nicht.

Also doch ausleihen – aber dann würde sie den Büchern ansehen, dass er sie noch nicht gelesen hatte und er würde als Lügner da stehen – mit seinen kurzen Beinen, von denen sie bisher auch noch nichts ahnte. So hatte er schließlich die Nacht damit verbracht, den Herrn der Ringe Seite für Seite durchzublättern und das Buch dann jeweils einmal kurz aufs Bett zu drücken. Gebrauchsspuren. Er hatte sogar ein paar Seiten umgeknickt und etwas Semmelbrösel in den Schuber gestreut.

Er sah sich um, Wedekindstraße. Wedekindstraße? Das war ja furchtbar. Viel zu weit raus! Und es war schon kurz vor vier. Jetzt aber zurück. Das blöde Buch wurde auch immer schwerer. Er schwitzte, das Wasser tropfte ihm vom Kopf und das sorgfältig hoch drapierte Haar lag wie angeklebt auf seinem Schädel, nichts war’s mit den zumindest angedeuteten Einsachtzig. Mit den hohen Absätzen lief es sich auch recht mühsam.

„Sollen wir ein Erkennungszeichen vereinbaren?“ hatte er ihr geschrieben. „Auch wenn ich Dich noch nie gesehen habe, kennt mein Herz dich doch. Wir sind Seelenverwandte – wir werden einander erkennen!“ hatte sie ihm geantwortet. Das war schön gewesen, so romantisch. Hoffentlich hatte sie nicht anhand seiner Angaben ein Phantombild gezeichnet… andererseits stand nicht zu erwarten, dass auch Brad Pitt ins Cafe Eiszeit kommen würde. Da, endlich. Cafe Eiszeit. Er stürmte rein. Vier Uhr, auf die Sekunde.

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Chatland

  1. Mit deiner Kurzgeschichte bewegst du dich hart am Puls der Zeit. Am besten hat mir gefallen, wie Herr der Ringe nicht gelesen wird, sondern künstliche Lesespuren wie Semmelbrösel bekommt. Noch besser hätte mir gefallen, wenn es Stephen King getroffen hätte. „Wert, dass man Semmelbrösel oder Kaugummi zwischen die Seiten drückt“ wäre ein tolles Prädikat für überschätzte Autoren und deren Machwerke.

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