Kurzgeschichte: Nachname, Vorname, Übernahme

Er schloss die Tür auf und setzte seinen Koffer im Korridor ab. Hier müsste mal gelüftet werden. Rheumasalbe, Franzbranntwein, alte Socken und die aufdringliche Süße überreifer Äpfel. Alter, das war es, was er roch. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn und mit leichter Verzögerung begann eine Energiesparlampe zu glimmen, zögernd breitete sich ihr gelbliches Licht aus, hell genug, damit er nicht über irgendwelche Hocker stolperte.

Seine Lederjacke hängte er an die Garderobe, neben einen Kleppermantel, der schon bessere Zeiten gekannt hatte. Etwas zu groß vielleicht. Rechts das Bad, dann die kleine Küche mit viel Resopal. Links das Wohnzimmer und der Schlafraum. 80 Quadratmeter.
Im Wohnzimmer öffnete er die Tür zu dem kleinen Balkon, die Kästen müssten mal neu bepflanzt werden. Er setzte sich auf den Fernsehsessel, weit vorn, dort, wo der Bezug noch ziemlich gut aussah, wippte etwas auf und ab. Der sollte schon noch eine Weile halten. Mit einem Seufzer lehnte er sich zurück und blieb ganz still sitzen.

Andenken: Rom. Paris. Vielleicht Spanien, das war nicht so einfach, da gab es ja nicht sowas wie den Eifelturm oder das Kolosseum. Fotos zwischen silberumrandeten Kaffeetassen hinter der gläsernen Front des Wohnzimmerschranks. Röhrenfernseher, circa 50 cm Bilddiagonale. Nussbaumoptik. Sein Blick wanderte weiter. Ein Bücherregal, zwei einfache Bretter, Baumarktware, an den Seiten hatte sich die Kaschierung schon etwas gelöst. Bisschen klein. Er stand auf, legte den Kopf etwas schief und las die Titel. Ratgeberliteratur und Erbauliches. Das würde hart.
Das Telefon klingelte. Ach ja, im Korridor.
„Bornemann“. sagte er.
„ Werner?“ Eine Frau. Getippt Mitte Fünfzig.
„Nein, mein Name ist Bornemann.“ Dass die Leute nicht zuhören konnten. Außerdem hieß er Magnus.
„Können Sie mir Werner geben, bitte. Werner Veerweg.“
„ Nein, Werner Veerweg wohnt hier nicht mehr.“

Jetzt schwieg sie. Ob da noch was kam?
„Aber das ist doch die Wohnung von Werner?“
„Ja. Haben Sie nichts davon mit gekriegt? Werner Veerweg ist verstorben. Jetzt wohne ich hier. Seit heute. Seit gerade.“

Musste er sie noch was fragen? Ob sie mit Werner bekannt war vielleicht?
Blöd. Natürlich war sie das, sonst würde sie ja wohl nicht anrufen. Jetzt hörte er sie schniefen. Vielleicht weinte sie sogar.
„Kann ich noch irgendwas für Sie tun? Soll ich Ihnen die Telefonnummer meines Vermieters geben, der weiß bestimmt, wie Sie zu den Angehörigen Kontakt aufnehmen können.“
„Ach die…“ Sie klang so niedergeschlagen.
„Hilft es Ihnen, sich noch mal seine Wohnung anzusehen, vielleicht ein Andenken an ihn mitzunehmen?“ Er fühlte sich gut dabei. Großzügig, schließlich waren Werners Sachen jetzt seine Sachen. Gut, nur gemietet, aber irgendwie doch seine Sachen.
Er meinte ein Lächeln zu hören. Konnte man ein Lächeln überhaupt hören?
„Dürfte ich das? Ich glaube, ich brauche so eine Art Abschied.“
Sie hatte sich dann bald voneinander verabschiedet. Anna Opphuesen. Anna. Er probierte den Namen noch einmal aus. Anna und Werner. Ob die mal…? Egal.
Bornemann packte seinen Koffer aus, ein paar Bücher, etwas Kleidung. Nicht so viel, dass er den alten Bornemann mitgebracht hätte. Rom und Paris, da musste er noch einiges lernen. Ob Veerweg katholisch war?

Es klingelte an der Tür. So ein Ding–Dong. Anna konnte das noch nicht sein. Vor der Tür stand ein Mann, durch den Spion gut zu sehen. Wohl von gegenüber, die Wohnungstür stand offen. Bornemann öffnete.
„Herzlich Willkommen in unserem Haus. Ich bin Ihr direkter Nachbar. Arnold Löken.
Bornemann streckte ihm die Hand entgegen. „Bornemann, Werner Bornemann.“

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6 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Nachname, Vorname, Übernahme

  1. kurz vor dem schluss habe ich mich gefragt, wie die geschichte jetzt schon gleich enden kann – ich wollte mehr und weiter lesen, es wäre auch ein toller entwurf für was größeres … (novelle?) 😉 lgk

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    • Ja, das sehe ich ähnlich. Mir ging es bei diesem Text zunächst um die Erfahrung, die jemand macht, der eine fremde Wohnung bezieht, die vollständig möbliert und ausgestattet ist. Ausgangspunkt war ein Bericht meiner Frau, die von einem Klienten erzählte, der eine Wohnung übernahm, in der viele Ausstattungsgegenstände blieben.

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  2. Werners Wohnung wirkt ein bisschen beklemmend. Ich hab sie dank deiner Beschreibung genau vor Augen. Es ist als wollte sich Magnus die Wohnung des Verstorbenen anziehen wie einen Schuh. Was ich auch beim nochmaligen Lesen nicht mitbekommen habe ist, wann die Metamorphose von Magnus zu Werner begann.Liegts daran, weil die Anruferin nach einem Werner verlang?. Indem du Figuren einführst, die noch keine Rolle gespielt haben, weckst du die Erwartung, die kaschpar oben formuliert hat.

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  3. Ich finde den ersten Absatz genial. Diese Stimmung beim Betreten der fremden Wohnung.
    Die ganze Atmosphäre ist beklemmend. Und eine diffuse Energie scheint die Identität Bornemanns förmlich aufzulösen und in Besitz zu nehmen.
    Und ob Veerweg katholisch war… gute Frage! 🙂

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    • Vielen Dank! Ich finde auch die Vorstellung, eine mehr oder weniger komplette Wohnung zu übernehmen, in der jemand lange gelebt hat, einigermaßen befremdlich. Und doch passiert es immer wieder. Seltsam ist auch, dass man sich private Fotos kaufen kann, Bilder, die irgendwann in einem Familienalbum geklebt haben und die jetzt bei einem Händler in einem Kasten auf dem Tresen stehen. Quasi als Einladung, sich einen eigene Ahnengalerie zu erstellen – mit anderer Leute Vorfahren.

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