Kurzgeschichte: Zeitlos

„Es war ein Tag wie jeder andere auch.“
„Geht es vielleicht etwas genauer? Sie sind schließlich nicht der einzige, der Zeit verloren hat.“
„Das ist ja mein Problem. Ich kann mich nicht mehr an ihn erinnern. Manchmal glaube ich sogar, er hat überhaupt nicht stattgefunden.“
„Werden Sie mal nicht komisch. Das wird sorgfältig überwacht, die Kalendermacher haben da ein Auge drauf. Also: Datum, besondere Merkmale…?“
„Lassen Sie mich überlegen…eigentlich fehlen mir ganz viele Tage.“
„Das kenn ich, Party gemacht und totaler Filmriss, später findet man sich an Bord eines Schiffes und versteht nicht, wie man zur Fremdenlegion gehen konnte.“
„Ja. Haha… nein, so meinte ich das aber nicht. Mit den Tagen ist es wie mit den Zigaretten, die meisten gehen einfach achtlos drauf, schwupp, schon wieder vorbei.“
„Und so einen suchen Sie? Nicht Ihren Hochzeitstag… oder die Geburtstage Ihrer Kinder?“
„Nein, die sind mir völlig präsent. Ich brauche einen von den gewöhnlichen, einen, der mir durchgegangen ist.“
„Und dann… ich meine, wenn Sie ihn zurück bekämen, was dann?“
„Dann hätte ich noch einen Tag mehr Zeit, um meinen Beitrag für den Literaturwettbewerb zu schreiben.“

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5 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Zeitlos

  1. Hallo Manfred,

    ich mag das Thema „Zeit“ sehr und Deine Art mit dem Thema umzugehen und darüber zu schreiben. Eine Kurzgeschichte zum Thema Zeit hast Du ja auf meiner Seite veröffentlicht. Was mich sehr gefreut hat. Danke nochmals.

    Ich finde es unglaublich schwierig über Texte etwas zu schreiben, weil ich es als etwas sehr persönliches wahrnehme. Es ist dein Zugang, deine Art des Erzählens, deine Idee usw.

    Wenn Du erlaubst, möchte ich Dir gerne meine Wahrnehmung dazu mitteilen, wie es bei mir ankommt.

    Bei dieser Kurzgeschichte, würde mir der Titel: „Fundgrube“ besser gefallen, weil ich den Titel in Verbindung mit der Suche nach verlorener Zeit (was mich an Proust erinnert) spannender finde.
    Und das Ende gefällt mir irgendwie nicht, könnte aber nicht sagen warum, es müsste für mich anders enden irgendwie:-) tiefgründiger vielleicht.

    Weiß nicht, ob Du jetzt etwas damit anfangen kannst.

    LG
    Serpil

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    • Vielen Dank für Deine Rückmeldung, Serpil. Mir gefällt es natürlich, wenn ich für einen Text ein Lob kassiere, aber ich schätze es mindestens genauso, wenn ich konkrete Hinweise zu meinen Texten bekomme, wenn jemand mir sagt, was ihm / ihr nicht gefällt. Natürlich muss ich darüber nachdenken und schauen, was ich daraus für mich machen kann, aber genau das, was Du mit Deinem Kommentar getan hast, wünsche ich mir viel öfter bei WordPress.

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      • Hallo Manfred,
        dann werde ich zukünftig, wenn ich Deine Texte lese, Dir mitteilen, was mir besonders gefällt und was eher nicht. In der Hoffnung, dass es Dir etwas bringt.

        Denkst Du an Veröffentlichung mit einem Buch. Weil wenn ja, dann kann ich dazu sagen, dass es sehr schwer ist mit Kurzgeschichten einen Verlag zu finden bis fast unmöglich. Ich weiss es, ich habe es versucht und bekam diese mehrmals diese Rückmeldung von Verlagen.
        Doch mit einem Roman hättest Du sicher Chancen. Hast Du daran gedacht, einen Roman zu schreiben?

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      • Kurzgeschichten habe ich bisher auch nur in Anthologien unterbringen können, Du hast sicher Recht damit, dass es kaum Verlage gibt, die einen Band mit den Kurzgeschichten eines Autors/einer Autorin veröffentlichen. Aber an Wettbeweren beteilige ich mich weiterhin gern, weil es mir Spaß macht, gezielt zu einem Thema zu arbeiten, durchaus auch zu Themen, die mich sonst nicht beschäftigen. Ein Roman wäre mir als Projekt im Moment zu groß, den würde ich in meinem Alltag nicht unterbringen können. Vielleicht sähe das anders aus, wenn sich ein Thema aufdrängen würde, das mich so beschäftigt, dass ich dazu arbeiten muss.
        Zur Kurzgeschichte Zeitlos: Mir geht es auch so, dass ich mit dem Schluss nicht ganz glücklich bin. Er muss in einem Satz kommen, die Geschichte in ihrer Kürze gibt nichts anderes her, er sollte aber prägnanter sein.

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  2. Mit den Kurzgeschichten ist es leider so.
    Wettbewerbe und Anthologien sind eine gute Sache.

    Zu dem Schluss von „Zeitlos“ fällt mir folgendes ein:

    Dann hätte ich noch einen Tag mehr Zeit, um die anderen verlorenen Tage zu suchen.
    oder
    Dann hätte ich noch einen Tag mehr Zeit für meine Suche nach der verlorenen Zeit in meinem Leben.

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