Kurzgeschichte: Chefsache

Die Tür ist noch da, nehme ich jedenfalls an. Das Haus gibt es noch. Ganz sicher. Ich habe es meinen Töchtern gezeigt. Es ist jetzt ein Cafe, ich war noch nicht drin. Bisher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber ganz offensichtlich wollte ich die Räume nicht wieder betreten. Kann man einem Haus böse sein? Hat es Sinn, einer Immobilie feindliche Gefühle entgegenzubringen?

Die Tür war niedrig. Vielleicht war sie es nicht, mir kam sie jedenfalls so vor. Dabei war es nicht irgendeine Tür, der Dienstboteneingang oder so. Nein, es war der Haupteingang eines Industriebetriebes: der Heinrich van der Laan GmbH & Co KG in einer kleinen ostfriesischen Hafenstadt. In der Innenstadt, heute läge der Betrieb mitten in der Fußgängerzone, wäre er nicht längst ausgesiedelt worden. Ein paar hundert Beschäftigte und einer davon war ich.

Hab ich schon gesagt, dass über der Tür ein Schild hing: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Naja, es hing dort natürlich nicht, es hätte dort aber hängen sollen. Das Vieh, dass im späten Herbst von der Weide kommt und in den engen, dunklen Stall muss, mag sich ähnlich fühlen, wie ich mich jeden Morgen um kurz vor acht fühlte, wenn ich die Tür durchschritt, um einen weiteren Arbeitstag wie die Erstbesteigung eines Achttausenders in Angriff zu nehmen. Ich war selbst schuld daran, denn ich hatte mir die Lehrstelle gesucht.

„Guten Morgen, Frau Wachter.“ Frau Wachter saß in der Anmeldung, einem Verschlag, der zugleich als Telefonzentrale diente. Gleich darauf weitete sich der Flur, denn hier befand sich die Sonne, um die das ganze Universum van der Laan kreiste: das Büro des Chefs, des Seniors, wie ihn alle nannten: Heinrich van der Laan Senior, ein weißhaariger Industrieller, dessen Gesichtszüge eine großväterliche Güte versprachen – ein Versprechen, dass er keinesfalls zu halten beabsichtigte.

Eine Leder bezogene gepolsterte Tür schottete das Chefbüro vom Tippen, Klingeln, Schnurren, Klappern, Plappern, Schlurfen und den weiteren Geräuschen der gewöhnlichen Bediensteten ab, die ihr Dasein in Vierpersonenbüros verbrachten. Anonymität brauchte hier keiner zu fürchten, denn jedes Büro besaß ein Fenster, das den Blick auf den Hinterhof freigab – architektonisch mag die Aussage zweifelhaft sein, gefühlt stimmt sie zu 100 Prozent – und drei Seitenwände, die ab Hüfthöhe verglast waren.

„Herr Voita…“
Frau Wachter hatte schon auf mich gewartet.
„Sie möchten bitte mal zum Chef kommen.“
Konnte ein Tag besser anfangen? Da ließ ich mir doch lieber vom Buchhalter das Geld für den Friseur anbieten. Vermutlich saß der Senior schon wieder seit sechs Uhr in seinem Büro und hielt die Fäden zusammen, aus denen seine Söhne mit ihren hübschen Chefsekretärinnen – er hatte zwei Söhne und wir hatten viele Chefsekretärinnen – dem Unternehmen sonst vermutlich rasch einen Strick gedreht hätten. Gerüchteweise sollte der Senior auch eine Villa besitzen, in der er wohnte, aber das glaubte eigentlich keiner. Der Mann lebte für und in der Firma und nun war ihm wohl wieder mal die grüne Tinte ausgegangen, die Tinte, mit der nur er schreiben und erst recht unterschreiben durfte.

Ich sah förmlich vor mir, wie der Senior mit ausgetrocknetem Federhalter über wichtige Dokumente kratzte. Das Wohl des Unternehmens hing von mir ab und was tat ich? Ich kam einfach nur pünktlich zur Arbeit, ahnte nichts von den Nöten des Mannes, der uns allen Brot und Arbeit gab. Nicht nur das: ich fürchtete mich schon davor, nur an seine Tür zu klopfen. Klopfen Sie mal an eine gepolsterte Ledertür! Andererseits schneit man auch nicht unaufgefordert in das Büro des Chefs, oder?

„Guten Morgen, Herr van der Laan.“
Schon der Gruß war irgendwie unangemessen. Zu den Buddenbrooks konnte man wenigstens Herr Konsul sagen. Er blickte auf, erkannte mich und übersah mich, deutete nur auf den Füllfederhalter. Klar, wieder nur der Füllfederhalter, keine verantwortungsvolle Aufgabe.. obwohl, gab es eine wichtigere Aufgabe, als diese, die ich nur vertretungsweise ausfüllen durfte, weil der Lehrling im dritten Lehrjahr, der fest mit dieser Aufgabe betraut war, gerade in Urlaub war?

Das Tintenfass befand sich in der Registratur, die zugleich auch Poststelle war, einem schlauchartigen Raum, dessen Wände, soweit das nicht durch Fenster oder Türen begrenzt war, mit Regalen voller Aktenordner zugestellt waren. Der Weg führte über Treppen mit ausgetretenen hölzernen Stufen, vorbei an dem Verschlag, in dem sich die Teeküche befand, über einen kleinen Flur, von dem eine Wendeltreppe zum Seifenverkauf führte: einer geheimnisvollen Abteilung, die von einem Ingenieur geleitet wurde, der an Malaria litt. Es war kein Kunststück, den Füller des Seniors zu betanken, kaufmännische Kenntnisse waren dafür eigentlich nicht erforderlich. Dummerweise war ich schon immer besser in Buchführung als in praktischen Dingen. „Sie sind wohl eher Theoretiker!“ hatte mir der Senior gesagt, als er mein Schulzeugnis begutachtete. Er hatte mich trotzdem eingestellt. Vielleicht, weil mein Vater mal den Heizer geohrfeigt hatte – aber das ist eine andere Geschichte.

Ich eilte – soweit ich mich mit dem Füller des Chefs zu eilen traute – durch die schmalen Flure zurück, vorbei an der Toilette auf halber Treppe, dem einzigen Rückzugsort, weil hier außer dem Fenster mit Ausblick auf den Hinterhof, nichts verglast war. Henny kam mir entgegen, die Auszubildende aus dem zweiten Lehrjahr, kurze blonde Haare, trotzig aufgeworfene Lippen und immer total im Stress. Henny, für die ich manches getan hätte: glaubte ich, ich kam ja nie in die Verlegenheit, trat mir in den Weg.

„Hast du mal was zu schreiben?“
Niemand sonst hätte mich das fragen dürfen. Ich hatte etwas zu schreiben und ich hatte doch wieder nichts, denn es war der Füller des Seniors, kein ordinäres Schreibgerät.
„Klar!“
Soviel hatte ich bisher noch nie mit ihr geredet.
„Danke!“ Sie nahm den Füller, drehte sich kurz um und zeichnete ihr Berichtsheft ab, gab ihn dann weiter an Cornelius Lassen, den alle nur Lassie nannten und der setzte ebenfalls zur Unterschrift an, rutschte weg und brach die Feder ab. Ich bin dann zur Fremdenlegion gegangen… hätte es zumindest tun wollen. Immerhin, nach dem großen Donnerwetter und dem Entzug der Gnade des Seniors, gingen wir abends zusammen ein Bier trinken.
Lassie und ich.

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2 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Chefsache

  1. Es ist ein Genuss, diese atmosphärische Kurzgeschichte zu lesen, in die ich eingetreten bin, ohne vorher meine Hoffnung fahren zu lassen, dass ich gut unterhalten werde. Und so schlimm ist es ja gar nicht in dieser hanseatischen Hölle. Auf dem Flur kommt einem sogar ein blondes Geschöpf namens Henny entgegen mit aufreizend „trotzig aufgeworfenen Lippen“, nur blöd, dass sie das Unheil im Schlepptau hat. Die erste Frau, die auftaucht, und schon weiß man als Leser, das gibt Ärger. 😉 Aus feministischer Sicht ist diese Konstruktion vielleicht ein bisschen heikel. Aber der eigentliche Ärger kommt ja vom gefürchteten Patron der Hölle.

    Ganz toll, Kompliment!

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    • Maarten t’Hart, der niederländische Schriftsteller, hat, noch viel schlimmer als ich, seine Biografie geplündert, um daraus Kurzgeschichten und Romane zu machen. Er hat dafür allerdings nicht die Orte und Namen geändert, sondern einfach nur die Namen vertauscht, so dass viele zornige Bürger aus Maasluis sich mit Eigenschaften und Geschehnissen verbunden sahen, die ihnen nie widerfahren waren. Aber es gibt halt Phasen des eigenen Lebens, die man sich nur durch den Psychologen oder das Schreiben vom Halse schaffen kann. Das Drama bestand allerdings nicht in der fiktiven Füller-Katastrophe, sondern in der Ausbildung, die ich als Gefängnis erlebte.

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