Sitzen geblieben

Goethe scheint für die Menschen seiner Zeit ein Mittelding zwischen der Jungfrau Maria und einem Megastar gewesen zu sein. Ein noch so kurzes Erscheinen, eine Übernachtung oder der Kauf von Schinken oder Wein, alles wurde sorgfältig dokumentiert und ist Jahrhunderte später immer noch so bedeutsam, dass aus diesen Anlässen Gedenktafeln angebracht und historische Feste gefeiert werden. Gut, Maria pflegte bei ihrem gelegentlichen Erscheinen keinen westfälischen Schinken zu kaufen.

Für Goethe selbst waren diese Reisen – wenn sie denn nicht nach Italien oder Frankreich führten – keineswegs so bemerkenswert, manche Erinnerungen, so auch die an seinen Aufenthalt in Westfalen, hielt er mit dreißigjähriger Verzögerung fest. Vor dreißig Jahren war ich…Moment, 2015 – 30 = 1985, ich frag mal meine Frau, ja, im Winter 85/86 waren wir auf Lanzarote. Ich könnte auch noch einige Begebenheiten aus dieser Zeit erzählen, mit dem Fotoalbum und den Erinnerungen meiner Frau käme da schon was zusammen. Goethe hatte kein Fotoalbum, sein Diener Paul Goetze allerdings führte Tagebuch, das dürfte geholfen haben. Goethe war übrigens nie auf Lanzarote, zur Sicherheit habe ich das gerade gegoogelt, aber auch Lanzarote kommt nicht an ihm vorbei: Sein Clavigio geht auf Clavijo aus Lanzarote zurück.

Warum ich das alles erzähle? Goethe war, wie schon an anderer Stelle erwähnt, im November 1792 in Münster. Die schlechten Wege und das herbstliche Wetter führten dazu, dass es gegen Mitternacht war, als er in Münster eintraf. In der Stadt hatten 2.000 Revolutionsflüchtlinge Unterkunft gefunden, im Gasthof an der Rothenburg gab es kein freies Bett mehr für den Bestsellerautor und bedeutenden Politiker aus Weimar

„Ich hielt nicht für schicklich, durch einen solchen Überfall gleich beim Eintritt die Gastfreundschaft in diesem Grad zu prüfen; ich fuhr daher an einen Gasthof, wo mir aber Zimmer und Bette durchaus versagt wurde; die Emigrierten hatten sich in Masse (Franz. Revolution: der Adel flieht) auch hierher geworfen und jeden Winkel gefüllt. Unter diesen Umständen bedachte ich mich nicht lange und brachte die Stunden auf einem Stuhl in der Wirtsstube hin, immer noch bequemer als vor kurzem, da beim dichtesten Regenwetter von Dach und Fach nichts zu finden war.“
(Quelle Goethe in Westfalen).

Auch hier denken wir wieder an Maria, die allerdings nicht bei der besten Adresse in Bethlehem nachgefragt haben dürfte, wie Goethe es in Münster gehalten hat. Die Nacht auf dem Stuhl war für 3 Reichstaler zu haben. Eine Webseite nennt als Multiplikator für die DM den Faktor 26, wir haben es also mit einem Übernachtungspreis von 78 DM zu tun, freundlich umgerechnet hat Goethe also für etwa 40 € eine Nacht in Münster abgesessen. Geschafft: Endlich bin ich dort angekommen, wohin ich mit diesem Text wollte. Wie gesagt, wo auch immer er war, es gab Gedenktafeln, historische Feste und Kunstwerke, die er inspirierte. Dieses zum Beispiel:

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Diese Skulptur heißt „Goethe in Münster“, steht aber vor dem Westfälischen Literaturmuseum Haus Nottbeck. In Bad Waldliesborn gibt es einen Goethe-Brunnen, der genau dieses Detail enthält, ich nehme also an, dass Bernhard Kleinhans auch der Schöpfer des Nottbecker Werks ist. Ich hab mal mit einem Freund eine Nacht unter dem Dach einer Tankstelle in der niederländischen Kleinstadt Winschoten verbracht. Spätere Skulpturen könnten also…, aber lassen wir das.

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23 Gedanken zu “Sitzen geblieben

  1. Witzig, frisch und Augen öffnend. Gefällt mir sehr gut.

    Ein schlimmer Moment eines guten Schriftstellers führt zur Angeberei und auch noch Stolz einer unwissenden Stadtbevölkerung.

    Und mir stellt sich die Frage, wie blind sind wir?
    Was ist schein und was ist sein in der Welt?

    Ehrlich, die Antwort finde ich beängstigend:-)

    Manfred, ich gratuliere dir zu diesem gelungenen Text.

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  2. Wäre Goethe zu allem noch ein Heiliger, die Reliquien ergäben das Skelett eines Fabelwesens. – Nun frage ich mich: Hat sich die Stadt Münster geweigert, die Statue des auf dem Münsteraner Stuhl gähnenden Goethe (das soll doch wohl ein Gähnen sein, oder?) aufzustellen, oder ist ihr diese Ehre nie angetragen worden? – Feiner Text!

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  3. Herrlich, deine Geschichte! Sie sagt etwas über Goethe, dass er nämlich auf einem Stuhl schlafen konnte, ohne runterzukippen, aber sagt auch einiges über Münster, wo ich seltsamer Weise noch nie war, außer im Bahnhof, weil mein Zug dort eine Stunde, ich glaube von 2 Uhr bis 3 Uhr nachts, stehen blieb, um die Zeitumstellung abzuwarten. Welch ein Wunder, dass ich nichts für das Privileg bezahlen musste, eine Stunde auf dem Münsteraner Bahnhof im haltenden Zug zu sitzen, wo ich vielleicht sogar geschlafen habe.
    Denkmaltechnisch ist’s so unkommod wie auf Goethes Stuhl, Aber bei dir ist’s auch nicht einfacher, und sei mal ehrlich, Denkmäler mit Bahnsteigen bzw. Tankstellen gibt’s doch gar nicht, oder?

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    • Literaten untereinander neigten und neigen wohl eher nicht dazu, im Gegenüber das Genie zu erkennen. Über Goethe als Person lässt sich sicher sehr viel sagen, er ist alt genug geworden und war hinreichend prominent, aber diese menschlichen Unzulänglichkeiten finden wir auch bei Picasso, Richard Wagner, Grass… Was bedeuten sie für unsere Wahrnehmung ihres Werkes? Kann man so anerkannt, so berühmt sein, ohne sich zu verändern? Ohne Starallüren zu entwickeln? Und Hölderlins Werk liegt vor, wir können ihn lesen. Wer weiß, was aus ihm geworden wäre, hätten ihn die Klassiker mit offenen Armen empfangen.

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      • Bist du dir sicher, mit dem was du im ersten Satz schreibst? Wenn die Klassiker Hölderlin mit offenen Armen empfangen hätten, wäre er vermutlich nicht im Turm eingesperrt gewesen. Goethe hat die Menschen gedemütigt und sie ausgenutzt. Und er hat sich mit fremden Federn geschmückt. Ich weiß nur, wie Goethe mit Hölderlin und Marianne von Willemer umgegangen ist. Das reicht mir, um kein Buch mehr von ihm in die Hand zu nehmen.

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      • Zitate zu dem Thema gibt es reichlich, z. B. von Herbert Rosendorfer: Gibt es Neid unter Schriftstellern? Sowieso.
        Max Frist war bekannt dafür, Schiller beneidete Goethe…Aber – ich bin von Haus aus Kaufmann – Neid ist eine der wesentlichen Triebkräfte der menschlichen Entwicklung. Wenn ein anderer etwas kann, spornt mich das doch an, wenn er etwas hat, will ich es auch haben (na ja, nicht immer und nicht alles, aber grundsätzlich schon). Und wie viel große Kunst ist entstanden, trotz der Ignoranz, vielleicht sogar wegen der Ignoranz der Umwelt? Kafka, van Gogh, die Impressionisten? Ich weiß, das rechtfertigt es nicht, Menschen schlecht zu behandeln… oder vielleicht doch? Ich weiß es wirklich nicht, manchmal ist das Werk so bedeutend, dass man damit leben muss, dass der Schöpfer ein Arsch war. Brecht beutete die Ideen seiner Mitarbeiterinnen aus, die nie als Mitautorinnen genannt wurden, Arno Schmidt „zwang“ seiner Alice ein Leben in Bargfeld auf, in Kargheit und weit ab von allem. Müssen wir erst den Lebenslauf lesen, bevor wir ein Kunstwerk bewundern?

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      • „Eitel und neidisch sind Schriftsteller immer schon gewesen. Und am eigenen Image haben sie auch kräftig herumgebastelt. Wolfram von Eschenbach, zwischen 1170 und 1175 geboren, stilisierte sich zum unwissenden Laienautor, kannte sich aber in Sprachen und Wissenschaft überdurchschnittlich gut aus. Und austeilen konnte er auch. In seinem Versroman „Parzival“ macht er sich über den Schriftstellerkollegen Hartmut von Aue lustig. Autoren kennen keine Gnade.“ Quelle: https://www.choices.de/es-gibt-keinen-schutz-vor-der-welt
        Hinsichtlich der Qualität entscheidet vermutlich der persönliche Geschmack und „neidisch sind nur die Erfolglosen“ ist polemisch – oder, weiter ausgeführt: fast jeder ist neidisch, bis auf die wirklich ganz Erfolgreichen? Und: Ja, mich interessiert auch der Verfasser, davon kann ich und will ich mich auch nicht frei machen. Ich stehe ja gern mal im ehemaligen Arbeitszimmer oder am Grab des großen Künstlers / der bedeutenden Künstlerin. Aber ich lese trotzdem Thomas Mann und Günter Grass, auch wenn sie persönlich einige unangenehme Züge hatten oder ihre Mitmenschen instrumentalisierten.

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      • In den Werken von Thomas Mann wurden keine Deppen vorgeführt. Er hat Menschen die er kannte, als Romanfiguren, in seine Werke einfließen lassen. Hierbei ist insbesondere zu betonen, dass diese Menschen Persönlichkeiten waren, von den es heute kaum mehr welche gibt. Vll gibt es auch deshalb so viele schlechte Romane und Romanfiguren, die nicht authentisch sind.
        https://de.m.wikiversity.org/wiki/Thomas_Mann_und_Gerhart_Hauptmann._Die_Peeperkorn-Affäre.

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      • Thomas Mann ist ein Beispiel dafür, es gibt viele andere, dass Autoren sich in der Realität bedienen, wo auch sonst? Das geht in der bildenden Kunst nicht anders zu, Ernst Barlachs „Schwebender“ trägt die Züge von Käthe Kollwitz, nach Barlachs Ausssagen allerdings, ohne dass er das so vorhatte. Ob das alles immer im Interesse und zum Besten der unfreiwilligen Modelle ist, bleibt wohl offen. Marten’t Hart hat die Einwohner seines Heimatstädtchens Maassluis in seine Romane und Erzählungen eingebracht. Er hat typische Verhaltensweisen einzelner Personen beschrieben – und ihnen dann des Namen einer anderen, ebenfalls dort lebenden Person gegeben. So waren gleich zwei Leute sauer auf ihn und es hat lange gedauert, bis Maassluis ihn wieder richtig lieb hatte. Zurück zum Ausgangspunkt: Caravaggio war ein Mörder, mindestens aber ein Totschläger, wir feiern ihn als Malergenie. Dylan Thomas war ein schwerer Trinker, Huxley mochte LSD. Was gestehen wir großen Künstlern zu, ab welchem Punkt verweigern wir ihnen die Aufmerksamkeit? Eigentlich will ich nur sagen, dass viele der ganz Großen nicht unbedingt angenehme Zeitgenossen waren. Menschlich hast du ganz sicher Recht, man kann nicht alles hinnehmen und jeder hat vermutlich seine Grenze bzw. seinen Künstler, bei dem man dann doch eher geneigt ist, großzügig über Fehler hinwegzusehen.

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