Kurzgeschichte: Auswärtsspiel

„Nehmen Sie unseren Schlüssel? Wir sind über das Wochenende bei meiner Schwester und jemand muss doch die Katze füttern.“
Peter Flörke hatte sich ein wenig geschmeichelt gefühlt, als Herr Ott, damals siezten sie sich noch, da war Sebastian noch Herr Ott gewesen, ihn im Treppenhaus angesprochen hatte. So lange hatte Peter noch gar nicht in dem adretten Vier-Parteien-Haus gewohnt, drei oder vier Monaten vielleicht. Natürlich war ihm das auch etwas lästig erschienen, aufdringlich sogar, Katzen waren so gar nicht sein Fall. Aber immerhin, es war ein Vertrauensbeweis und gleichzeitig der Beginn einer guten Nachbarschaft. Seither hatten sie Geburtstage im Hause gemeinsam gefeiert, im Sommer in dem kleinen Garten hinter dem Haus gegrillt und zwei- oder drei Mal waren sie sogar zusammen zum Fußball gefahren, ohne Steffi, Sebastians Frau, die mit Fußball nichts anfangen konnte. Dann hatte Peter öfter mal Termine am Samstag und nun fuhr Sebastian wieder mit dem Fanclub-Bus zu den Heimspielen.

„Die Wischermann von oben links ist übrigens auch Single.“ hatte Steffi bei irgendeiner Gelegenheit mal gesagt. Frauen sagen sowas ja nicht ohne Grund, und wenig später hatte Katrin Wischermann neben ihm gesessen, als Sebastian Geburtstag feierte. Tatsächlich interessierte sich Katrin auch für Fußball, sogar für den gleichen Verein und spielte auch gern Doppelkopf. Das war es dann aber auch schon, was die Gemeinsamkeiten betraf, sie duzten sich jetzt auch und liehen sich gegenseitig die Zeitung oder ein Pfund Mehl.

„Die Blonde aus der Nummer 8, die kannst du ignorieren. Die führt eine Fernbeziehung mit einem Informatiker in Heidelberg. Einmal im Monat fährt sie runter zu ihm und dann treffen sie sich auch noch im Urlaub.“ hatte Sebastian ihm bald danach gesteckt. Aber Peter interessierte sich ohnehin nicht für die blonde Acht, jedenfalls nicht so, wie Sebastian das offensichtlich tat. Der Aufkleber „Achtung, wachsamer Nachbar“ auf Otts Wohnungstür hatte schon seine Berechtigung.

Kurz nach Ostern war Peter beruflich für eine Woche im Ausland und Sebastian hatte ohne zu zögern Peters Schlüssel genommen, die Post aus dem Briefkasten geholt, die Zeitungen auf den Tisch gelegt und die Blumen gegossen. Peter war schon am Freitag und nicht wie geplant erst am Samstag zurückgekehrt und hatte sich mit zwei Flaschen Wein bei Steffi und Sebastian bedanken wollen. Seltsamerweise konnte Steffi seinen Wohnungsschlüssel nicht finden, aber den hatte bestimmt Sebastian noch vom Blumen gießen in der Tasche, Sebastian war nämlich gerade nicht da.

„Ach, bevor ich es vergesse, du weißt ja, dass Sebastian die Elektronik im Krankenhaus macht und da kennt er sich natürlich aus, mit den Gesetzen, jedenfalls, es ist vorgeschrieben, dass man Rauchmelder in der Wohnung haben muss. Sebastian hat gesehen, dass die bei dir fehlten.“
„Ja danke, ich mach…“ wollte Peter sich entschuldigen.
„Brauchst du nicht!“ unterbrach ihn Steffi, „Sebastian hat das schon erledigt.“
„Das war… nett.“ Peter wusste nicht gleich, was er davon halten oder dazu sagen sollte, aber klar, Sebastian war ein feiner Kerl und Peter hatte zwei linke Hände, dass wussten die Otts. Also war das wohl okay so.

Keine halbe Stunde später stand Sebastian vor der Tür.
„War dir doch Recht, mit den Rauchmeldern, sonst…“ Er schaute schuldbewusst drein.
„Super, echt. Und in jedem Raum! Was schulde ich dir?
„Lass mal, hab ich gern gemacht. Hier – dein Schlüssel.“ Sebastian drückte Peter den Schlüssel in die Hand.
„Behalte ihn ruhig, ist ja vielleicht besser so.“
„Nein“, hatte Sebastian gesagt, „wir handhaben das so wie immer. Wenn du mal wieder wegfährst, kannst du uns gern den Schlüssel da lassen“.

Noch am gleichen Tag hatte Peter eine Socke wiedergefunden, die er seit Wochen vermisst hatte. sie lag direkt neben ihrem lange vereinsamten Zwilling. Wie hatte er das nur übersehen können? Weniger erfreulich war es, dass in einer der nächsten Nächte jemand den Außenspiegel von Peters Golf abgebrochen hatte. Zum Glück hatte Sebastian das gesehen, er hatte den Täter sogar fotografiert, sodass es ein Leichtes für die Polizei war, den jungen Mann zu ermitteln.

Nur wenig später, Peter hatte früher Feierabend gemacht und wollte sich rasch umziehen, um … da stand jemand in seinem Schlafzimmer, alles ging sehr schnell, zu schnell für Peter, der erst im Krankenhaus wieder zu sich kam. Gehirnerschütterung, nicht weiter tragisch, ein paar Tage Bettruhe, aber mindestens eine Nacht zur Beobachtung in der Klinik, hatte die Ärztin gesagt. Steffi brachte ihm seinen Schlafanzug und das Waschzeug, Peter bedankte sich, konnte sich aber nicht daran erinnern, jemandem den Wohnungsschlüssel gegeben zu haben. Das konnte aber auch an der Gehirnerschütterung liegen.
„Übrigens…“ musste sie ihm noch erzählen, „die Bilder von den Überwachungskameras sind nichts geworden. Sebastian sagt, dass sei ihm noch nie passiert.“
„Ja… schade.“ flüsterte Peter schwach. Überwachungskameras? Was er nach einem Schlag auf den Kopf alles vergessen hatte. Seine Kopfschmerzen nahmen zu.
„Wir müssen besser aufpassen“, flüsterte Steffi ihm zu. „Aber von unseren samstäglichen Dates im Cityhotel weiß er nichts. Da bin ich mir sicher.“ Sie küsste ihn sanft.

Der Rauchmelder unter der Zimmerdecke blinkte blau auf.

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Auswärtsspiel

  1. Die Geschichte hat einen tollen Schluss! Obwohl du den Leser im Unklaren lässt, wie die Verhältnisse tatsächlich sind, dass sich da überhaupt ein Verhältnis mit Steffi entwickelt hat. Man ahnt, wie sich da langsam eine Bedrohung verdichtet, und für mich genau zum rechten Zeitpunkt kommt dann die Pointe.

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    • Ich verkürze solche Texte beim Überarbeiten fast immer, weil ich ungern das erzähle, was allen schon klar ist – oder was für die Geschichte nicht zwingend notwendig ist. Manchmal gehe ich dabei zu weit und lasse ratlose Leser zurück. Danke für deinen freundlichen Kommentar!

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  2. Herrlich! Ich liebe diese kleinen Geschichten. Vielen Dank dafür.

    Kürzlich wurden bei uns Rauchmelder gesetzt. Danach habe ich in einem TV-Krimi gesehen, dass in den Rauchmeldern Kameras installiert waren und jemand an einem Monitor das Geschehen in der Wohnung verfolgte. Wenn auch unwahrscheinlich, es bleibt ein ungutes Gefühl zurück… Viele Grüße Vic

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