Denkfietsen

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Für zwei Tage bin ich Strohwitwer. Heute Morgen las ich noch einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in dem vor den Gefahren durch die ständige Nutzung des Smartphones gewarnt wurde; achtundachtzig Mal am Tag, so hieß es dort, schauten wir auf das Display. Noch während ich las, fragte mich meine Tochter, die zuverlässig keine Zeitung liest, was denn das Feuilleton sei. Ich verwies natürlich reflexartig darauf, dass sie schließlich des Französischen mächtig sei, gab dann aber eine umständliche Erklärung dessen ab, was ich so unter Feuilleton verstand, während sie prompt ihren Gesundheitszustand zusätzlich gefährdete, indem sie Google fragte. Blättchen. Das heißt Feuilleton.

Warum ich das schreibe? Weil ich diesen Text mit Strohwitwer begann und selbstredend erst nachgeschlagen habe, woher denn nun diese Redensart wieder kommt. Nein, das erkläre ich jetzt nicht, sonst kommen wir hier nie weiter. Ich bin mir auch überhaupt nicht mehr sicher, ob das ein Fluch oder ein Segen ist. Permanent alles wissen zu wollen, schien mir immer eine grundsätzlich positive Eigenschaft, soweit sie sich nicht ausschließlich auf Klatsch und Tratsch beschränkte. Aber jetzt kann man eben auch jederzeit alles wissen, wenn man sich nur die Mühe macht.

Befinde ich mich also im Stande der selbstverschuldeten Unmündigkeit, wenn ich nicht jedes Wort, jeden Begriff, jede Tatsachenbehauptung einem Faktencheck unterziehe? Falle ich zurück hinter die Ideen der Aufklärung, wenn ich Fragen unbeantwortet lasse, die sich mir stellen?

Zum Glück gibt es ja Google, da schaue ich nach, Kant hat ja auch für die gearbeitet: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Ein Glück aber auch, es geht nicht allein um das Wissen, es geht um das eigenständige Denken. Seltsam, da haben mich Kant und Google doch, obwohl ich schon glaubte, mich vollständig verzettelt zu haben, wieder an den Punkt gebracht, um den es mir ging. Und ich schaue jetzt „verzetteln“ nicht nach,… Moment, so jetzt geht es weiter. Verzetteln hat übrigens einen ganz anderen Ursprung, als ich gedacht hätte. Also ich = Strohwitwer = freie Zeit = Rad fahren. Da habe ich eine gewisse jahrzehntelange Übung, kaum sitze ich auf dem Rad, weiß ich auch schon, wie das geht. Ich fahre raus aus der Stadt, viel schneller als sonst, weil meine Frau ja nicht dabei ist, die mich sonst immer aufhält, bin wenig später total erschöpft und fahre deutlich langsamer als sonst, aber das wollte ich überhaupt nicht erzählen. Sondern: Es passiert, was immer passiert, wenn ich allein fahre… oder gehe… oder Unkraut jäte, plötzlich bin ich weg.

Das stimmt natürlich nicht, ich bin immer noch da, sitze auf meinem Fahrrad und nehme auch die Markierungen des Radwegs wahr, folge ihnen auch adäquat, aber ich bin nicht mehr dabei, fahre also auf Autopilot, während mein Kopf ganz was anderes macht. Ohne meinen Auftrag. Ich sehe ein Fachwerkhaus und kriege Hänsel und Gretel als Info eingespielt, ich fahre vorbei am Gut des Reichsbauernführers (nur ich nenn es so), etwas, dass Hollywood für neblige Horrorszenarien entworfen haben könnte… da, genau das denke ich, denkt es mich. Ich stelle mir keine Fragen und kriege Antworten.

Willem Brakman, der niederländische Autor, in dessen Heimatdorf es eine Buchhandlung, aber keines seiner Bücher gab, sprach vom „denkfietsen“, in hartem, uncharmanten Deutsch vielleicht mit „denkradeln“ übersetzbar. Ich komm nach Hause, abgekämpft, durchgeschwitzt und voller Ideen (hoffnungslos übertrieben) und weiß, dass ich offenbar beides brauche: Futter, das mir das Netz liefert* und die Zeit, meinen eigenen Kopf arbeiten zu lassen.

*Ich bin unterwegs auch nur zweimal abgestiegen, um ganz kurz etwas nachzuschauen.

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8 Gedanken zu “Denkfietsen

  1. Als ich noch rauchte, habe ich gedreht. Meine Zigarettenblättchen versuchten dann eine ganze Weile „Kulturteil“ zu sein, indem sie auf der Klappeninnenseite eine populäre Redewendung erklärten.Das war meistens falsch, weil dem vermutlich nur ein schlechtes Nachschlagwerk zugrundelag. Es gab also einen erkennbaren Qualitätsunterschied zwischen meinen Zigarettenblättchen und den Feuilletons stolzer Tageszeitungen. Daraus konnte ich keine Zigaretten drehen, weil man von Zeitungspapier ganz doll husten muss. Ich fand damals, die Tageszeitungen sollten ihre Feuilletons deutlich verkleinern und auf ganz dünnem Papier drucken, damit man sie drehen kann, allein aus ich rauchtechnischen Gründen, nicht etwa analog zu Lichtenbergs Wunsch, man solle die Bücher um so kleiner drucken, je weniger Geist sie enthalten.

    Dein Text ist ja im Plauderton gut geschriebener Feuillettons gehalten. Gute Blogs bieten das. Ich muss also nicht mal mehr eine Zeitung lesen, um das zu bekommen. Obwohl ich gut 15 Jahre für ein Institut gearbeitet habe, das Projekte zur Kooperation Zeitung-Schule organisiert hat (Zeitung in der Schule, Jugend schreibt etc), lese ich keine gedruckte Zeitung mehr, weil ich zu oft schon vom Niveau enttäuscht war. Vor allem stört mich, dass sie inzwischen unisono im Wirtschaftsteil den gleichen neoliberalen Mist verzapfen, sonst diesen Kampagnenjournalismus betreiben, bei dem eine Zeitung von der anderen abschreibt. Das Feuilleton der FAZ war unter dem Einfluss von Frank Schirrmacher ein Lichtblick, aber der ist ja leider tot. Die durchgängige Ablehnung und Herabwürdigung des Mediums Blog durch die bezahlten Lohnschreiber nehme ich fast persönlich. Das Internet kann im besten Sinne Kants den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit bereiten, kann eine gewaltige Bildungsmaschine sein, durch die die Köpfe von der geistigen Bevormundung durch unsere Leitmedien befreit werden.
    Man muss es nur geschickt nutzen, eine neue Aufgabe der Mediendidaktik.

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    • Obwohl ich dir zustimme, was den Geist unserer Zeitungen betrifft, gehöre ich offenbar zu einer Generation, die nicht auf die Tageszeitung verzichten kann. Ich ärgere mich auch täglich über die Vermischung von Nachrichten und Kommentaren, mehr noch als über die Kommentare und Nachrichten. Aber gerade im Kleinstädtischen brauche ich die lokalen Informationen. Die FAS lese ich manchmal, weil sie zumindest klug gemacht ist und einen oft spannenden Kultur- und Wissenschaftsteil besitzt. Es ist richtig, in Blogs lässt sich sehr viel an Information und Meinung finden, es ist aber nicht immer leicht zu finden. Dein letzter Satz trifft sicherlich zu, beschreibt aber auch eine gigantische Aufgabe.

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