Kurzgeschichte: Mitternacht

Es war Edgar, der sich an den Grafen wandte:“Entschuldigung, können Sie mir vielleicht sagen, wie spät es ist?“ Dabei wußte ich, dass er seine goldene Uhr wie immer in der Westentasche stecken hatte. Mag also sein, dass er nur das Thema wechseln wollte, weg von lebendig Begrabenen und anderen Monstrositäten. Möglicherweise wollte er nur ein „O, so spät schon!“ hören, um dann aufbrechen zu können.

Ich – und wohl auch alle anderen, die sich dafür nicht umdrehen mussten – warf einen Blick zur Uhr. Die mächtige Uhr, deren riesenhaftes Pendel lange Schatten an die vom Kaminfeuer und den Kerzen auf dem langen Tisch nur spärlich beleuchtete Wand warf, zeigte viertel vor zwölf. Noch eine Viertelstunde bis Mitternacht. Was würde geschehen? Ich wandte mich wieder dem Gespräch zu, doch nur schwer kam die so plötzlich unterbrochene Unterhaltung in wieder Gang. Alle schienen ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Und da war etwas Fremdes, Störendes im Raum. Ich wusste nicht gleich, was es war, nichts war hinzugekommen, es hatte sich nur etwas verändert. Die anderen schienen es auch zu bemerken.

Da, das war es! Das Ticken der Uhr war schwerer geworden, so als ringe sie der Zeit jede Sekunde mühsam ab. Und auch das Pendel bewegte sich träger hin und her. Zehn vor zwölf. Ich schenkte noch einmal Wein nach und sah, dass meine Hände zitterten, nur ganz leicht, aber es blieb ja noch ein wenig Zeit. Schwerer und schwerer klang das Ticken der Uhr durch den Raum, pochend wie die letzten Schläge eines brechenden Herzens. Ächzend kroch der Zeiger Minute um Minute vorwärts. Für die letzten zehn Minuten mochte er zwanzig Minuten gebraucht haben. Wer wusste das schon? Wir waren ohnmächtige Zeugen eines gnadenlosen Kampfes. Das Uhrwerk knirschte, Zahnräder griffen knarrend ineinander und das Pendel schien nur widerwillig seinen Weg zu durchmessen. Keiner sprach mehr, alle starrten die Uhr an.

Kurz vor Zwölf. Die letzte Minute vor Mitternacht. Eine schier unerträgliche Spannung lastete auf den hier versammelten Menschen. Die Zeiger bebten, schienen gar zurückzuweichen. Das Lärmen des Uhrwerks erreichte einen neuen, schauerlichen Höhepunkt. Es rasselte und quietschte, als wolle es sogleich auseinander brechen, als kämpften zwei widerstreitende Prinzipien verzweifelt um die Vorherrschaft. Jetzt…jetzt musste es sich entscheiden!

Es tat einen heftigen Schlag, zog sich gar ein Riss durch die Wand? Dann quälten sich die beiden Zeiger vorwärts – vereinigten sich auf der Zwölf und für einen Moment schien jedes Geräusch zu ersterben, die Zeit still zu stehen. Mitternacht. Dann ein ganz leises Knacken, so als sei etwas sehr zartes und verletzliches zerbrochen – und die beiden Zeiger fielen kraftlos herab auf halb sieben.
„Sauerei!“ entfuhr es dem Grafen.
„Jetzt muss das Ding also doch zum Uhrmacher.“

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6 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Mitternacht

  1. Demnächst droht ja wieder die blöde Zeitumstellung. Wir haben uns schon so an diesen Únsinn gewöhnt, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, wie da „etwas sehr Zartes und Verletzliches“ zerbricht, nämlich unsere innere Uhr. Vielleicht müssten wir die Zeitumstellung mit der Vorstellung von deiner mächtigen Uhr mit gewaltigem Pendel und Räderwerk verknüpfen, damit uns das Gewaltsame bildhaft vor Augen tritt. Mir ist klar, dass der Bezug nicht deine Intention war, sondern du baust Spannung auf, um den Leser dann mit all seinen Erwartungen von Geisterstunde und „Fünf vor Zwölf“ brutal in die Banalität eines schlichten mechanischen Defekts zu stürzen. Wieder so ein Traumbild, das auf der Schwelle krepiert 😉 Und der Graf kommentiert unfein: „Sauerei!“

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    • Wie das so ist, ein Text, den man aus der Hand gibt, führt ein Eigenleben und wenn es die Zeitumstellung ist, die dir zuerst in den Sinn kommt, dann gefällt mir das sehr… .unter anderem, weil ich daran nicht gedacht habe. Polyvalenz nennt meine germanistisch geschulte Tochter das und Rainer Strobelt (der Lyriker) will mit seinen Texten genau das. Meine Intention war tatsächlich schlichter… aber ich werde gern mal für klüger gehalten.

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  2. Manchmal muss ein Text auf seinen Schluss warten – oder – wie gerade bei einem Text, an dem ich arbeite – der Schluss will einfach nicht geschrieben werden, ich hab ihn im Kopf, aber er lässt sich nicht schreiben. Ich geh spazieren, fahre Rad und plötzlich, ohne böse Absicht, ist da ein neues Ende, eins, dass mich überrascht.

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