Kurzgeschichte: Kartentrick

Die Silvestervorstellung im Theater war wie immer ausverkauft und Gisbert Spieß besaß zwei Eintrittskarten. Er kaufte jedes Jahr zwei Karten im Vorverkauf, voller Hoffnung auf einen gemeinsamen Theaterbesuch. Aber es gab niemanden, den er hätte fragen wollen. Gut, wenn Gisbert ehrlich war – und zu wem, wenn nicht zu sich selber, sollte er denn ehrlich sein – hatte es immer jemanden gegeben, den… die er hätte fragen wollen, aber es ging dann eben nicht. Es lag nicht daran, dass er sich vor Frauen fürchtete, es war das Leben, das ihm Angst machte… und natürlich die Frauen. Und so hatte er die Karten alljährlich wieder an der Abendkasse abgegeben.

Die Wände zwischen den Büros waren dünn, so dünn, dass er jedes Wort hören konnte, dass nebenan gesprochen wurde. Fast hätte Gisbert das vergessen, weil das Nachbarbüro so lange leer gestanden hatte. Dann hatte Frau Eisler dort ihren Arbeitsplatz zugewiesen bekommen. Gisbert Spieß hatte ihre Stimme gehört und war hin und weg gewesen… er hatte sich Hals über Kopf… hm… wie hieß eigentlich das akustische Äquivalent zum Vergucken? Verhören doch wohl kaum, oder?

Wie sie „Wir können Ihnen keinen weiteren Aufschub mehr gewähren!“ sagte! Das hatte so einen metallischen Klang, so eine beneidenswerte Entschlossenheit, so etwas Rücksichtsloses, Radikales… es ging mit ihm durch, wenn er nur an sie dachte.

„Sachbearbeiterin Mahnwesen. So eine hat Haare auf den Zähnen.“ hatte Mutter gesagt, als er ihr von der neuen Kollegin erzählte und ihn prüfend angesehen, doch ihr Blick galt sicher nur seinem Haar, das an den Ohren wieder etwas lang wurde. Mutter immer mit ihren Haaren – oder mit seinen Haaren, egal. Mutter hielt nichts von Frauen, die auf eigenen Zähnen… äh… Beinen standen. Dabei hatte Frau Eisler ihren alten Vater gepflegt, bis zu seinem Tod. Gestern. Dann war sie doch jetzt eigentlich frei! Natürlich nicht im Sinne von nicht mehr besetzt, mehr in der Bedeutung von Freiheit.

Er hatte Blumen für sie gekauft. Gladiolen. Ein ehemaliger Trainer von Bayern München sagte doch immer Tod oder Gladiolen. Das Problem bestand jetzt nur noch darin, dass er, die Blumen und die Eintrittskarten für die Silvestervorstellung sich in seinem Büro befanden, während Frau Eisler davon in ihrem Büro ja überhaupt nichts ahnen konnte. Schließlich war er sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt von seiner Existenz wusste. Aber das würde sich ändern… hoffentlich.
Sein Handy klingelte. Auf dem Display erschien ihre Nummer.
Ja!!!
„Spieß.“ meldete er sich und hoffte, dass sie das Zittern seiner Stimme nicht bemerken würde.
„Fischer Gebäudeverwaltung. Mein Name ist Eisler. Herr Spieß, Sie sind mit der Miete im Rückstand.“
Genau! Sonst hätten Sie mich doch nie angerufen, oder? dachte er und schob sich einen Finger zwischen Hals und Kragen, um sich etwas mehr Luft zum Atmen zu verschaffen.
„So? Da muss irgendetwas schief gelaufen sein, Frau Eisler. Das lässt sich bestimmt ganz leicht ausräumen.“ sagte er ins Telefon, stimmte ja auch, schließlich hatte er die falsche Buchung selbst vorgenommen, die ihn in die Miesen brachte.

„Ich sehe hier gerade Ihre Telefonnummer im Display, wir arbeiten im gleichen Hause. Wir können das direkt klären!“ schlug er vor und fürchtete, dass nicht mal mehr die stark duftenden Gladiolen ausreichten, um den Geruch von Angstschweiß zu neutralisieren.
Sie stutze kurz, sah seinen Namen wohl im Organigramm nach: „Ja… das ist ja… gleich nebenan, ja? Ich bin sofort bei Ihnen.“

Voller Panik, keinen anderen Gedanken als den an Flucht im Kopf, schnappte Gisbert sich den Blumenstrauß und rannte zur Tür hinaus, versuchte es jedenfalls, denn er prallte völlig ungebremst auf Frau Eisler. Es grenzte an ein Wunder, dass sich nur die Gladiolen die Hälse brachen, und während Frau Eisler auf dem Boden saß und sich einem Niesanfall hingab, den ihre Gladiolenallergie ausgelöst hatte, präsentierte Gisbert ihr die Eintrittskarten für das Silvesterkabarett.

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6 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Kartentrick

  1. Schöne Geschichte. Ich fand die Metapher mit den Gladiolen und den brechenden Hälsen sehr schön. Ich mag die Stimmung, die die Geschichte vermittelt. Nach dem langsamen Einstieg, der mir sehr gut gefallen hat, war mir die Auflösung etwas zu schnell. Ich hätte mir vor der aktiven Flucht noch ein paar Wörter zu dem Moment zwischen Zusage und Panik gewünscht. Die Pointe ist aber sehr gut gewählt und hat mich zum Lächeln gebracht.

    Danke für die schönen Leseminuten!

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  2. Ständig variierst du die Settings und das Personal deiner Kurzgeschichten, doch langsam kristallisiert sich eine Gemeinsamkeit heraus: Das beinah lustvoll von dir zelibrierte Scheitern deiner Protagonisten, ihr Verenden quasi kurz vorm Ziel. Nur einmal war es anders, bei der ersten Geschichte, die ich von dir gelesen habe. Da ruft der Protagonist noch etwas Trotziges und wandelt sein Versagen doch noch in einen kleinen Triumpf.

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    • Es gibt ab und an mal einen, der im Scheitern noch den Kopf hoch hält, aber die anderern sind sicher realistischer gezeichnet. Sie können vielleicht nicht gewinnen, aber sie riskieren trotzdem ab und zu mal etwas, denn Träumen ist doch erlaubt.

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      • Das Attribut“realistisch“ habe ich im Zusammenhang mit deinen Kurzgeschichten nicht erwartet. Auch diese hier hat eine Reihe skurriler Elemente, die papierdünnen Wände, die Verehrung einer schier unerbittlichen Stimme, dass der Protagonist seine Miete nicht zahlt, um mit der verehrten Dame in Kontakt zu kommen, die slapstickartige Szene, in der die Gladiolenstängel brechen, das alles gehört weniger dem Alltag an als einer absurden Bühnenwelt. Die Protagonisten wissen sich in dieser Welt angemessen zu verhalten. Wenn sie von etwas träumen,tritt das unerbittliche dieser Welt hervor, denn eigentlich sind erfüllte Träume nicht vorgesehen. Richtig gut aber wird es, wenn da einer triumphieren kann.

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      • Ja, das ist schon bei Chaplin so, der Tramp ist zwar eigentlich der prototypische Verlierer, aber mit Charme und Dreistigkeit erringt er kleine Siege gegen die Großen und Bösen. Solche Siege mögen wir, aber sie sind selten. Deshalb meine ich, sind meine Geschichten vom Scheitern realistische Geschichten, die nicht über das Scheitern hinweg täuschen und nur den Trost des Lachens bieten.

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