Kurzgeschichte: Zwischenfall

Berlin, 10.12. Die Regierungskrise, die seit Tagen die Hauptstadt erschüttert, hat jetzt zu ersten Konsequenzen geführt. Eine stellvertretende wissenschaftliche Hilfskraft der Zentralbibliothek des deutschen Bundestages wurde mit sofortiger Wirkung in das Archiv für Zeitgeschichte versetzt.

Berlin, 09.12. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, der die Aufklärung der Mustermann-Affäre betreiben sollte, hat sich heute Morgen bei seiner konstituierenden Sitzung überraschend aufgelöst und ist zu einem gemeinsamen Kurzurlaub in die Toskana abgereist.

Berlin, 08.12. François Hollande und David Cameron weigerten sich bei dem europäischen Sondergipfel in Straßburg, der wie geplant keine greifbaren Ergebnisse brachte, gemeinsam mit der Bundeskanzlerin vor die Kameras zu treten. Die Kanzlerin versprach daraufhin, ihre Haltung nochmals zu überdenken.

Berlin, 02.12. Die Bundeskanzlerin teilte heute vor der Bundespressekonferenz mit, dass sie sich nicht mehr kämen werde, bis die Mustermann-Affäre aus der Welt sei. Auf Zuruf erklärte sie sich auch bereit, ihre Haare solange wachsen zu lassen. Der Bundesbildungsminister nannte in einer ersten Stellungnahme die Erklärung der Kanzlerin haarig, woraufhin ihn der Bundesaußenminister zur Adoption frei gab.

München, 30.11. Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident nannte die Berliner Verhältnisse in einem Kommentar für die Welt eine „abgeschmackte Politposse marodierender Provinzclowns“. Während Alexander Dobrindt, Andreas Scheuer und Sigismund Gottlieb in der Berliner Fußgängerzone Sonderdrucke dieses Artikels verteilten, meinte ein Linken-Sprecher nur, man dürfe nicht jeden Rülpser für Latein halten.

Berlin, 28.11. Im Ältestenrat des Deutschen Bundestages konnte man heute keine Einigkeit über die Fraktionszugehörigkeit des Abgeordneten Mustermann erzielen. CDU/CSU und SPD distanzierten sich von einer möglichen Mitgliedschaft in ihren Fraktionen, die Linke verwies auf die Tatsache, dass Mustermann weder Ostdeutscher sei noch unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz stünde. Die Grünen konnten in der Kürze der Zeit keinen kompetenten Gesprächspartner benennen.

Berlin, 27.11. Vor der Bundespressekonferenz präsentierte der Abgeordnete Mustermann die Mitgliedsbücher aller fünf im Bundestag vertretenen Parteien und behauptete, für vier von ihnen auch als MdB im Parlament zu sitzen.

Berlin, 25.11. Der Deutsche Presserat rügte auf seiner gestrigen Eilsitzung die sensationsheischende Vermarktung der innenpolitischen Geschehnisse, die so zu einer Bedeutung aufgebläht worden seien, die ihnen in der Realität nicht zukomme. Die Stärke einer freien Presse liege u.a. darin, zu erkennen, wo die Presse aufhört und die Freiheit anfängt.

Berlin, 23.11. Spiegel online enthüllte in einem Exklusivinterview mit Barbara G., der Hausgehilfin und Assistentin des Abgeordneten Mustermann, dass dieser über ein Fremdwörterlexikon und eine Einführung in die Allgemeine Volkswirtschaftslehre verfüge. Ein ungenannter Informant wollte bezeugen, dass Mustermann vor Jahren anlässlich eines Berlin-Bummels an einem Einführungskurs „Guerilla Gardening“ teilgenommen habe

Berlin, 21.11. Die Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium wies vor der Presse darauf hin, dass auch in diesem Jahr wieder einfach gehaltene und reich bebilderte Materialsammlungen an die Abgeordneten der zuständigen Ausschüsse abgegeben worden seien.

München, 19.11. Wie die Süddeutsche vorab veröffentlichte, sind nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage 63,7 % der Befragten Bundesbürger der Auffassung, dass die Parlamentarier von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. 36,2 % wollten das nur auf das Tuten beschränkt wissen. Die restlichen 0,1 % verstanden die Frage nicht.

Berlin, 17.11. In einem Tumult endete die Fragestunde des Deutschen Bundestages zur Außenwirtschaftslage. Erst nachdem er einen Parlamentsstenographen als Geisel genommen hatte, gelang es dem Bundestagsvizepräsidenten, die Sitzung abzubrechen und den Saal durch die GSG 9 räumen zu lassen.

Anlass für die heftigen Auseinandersetzungen war die Bemerkung des Abgeordneten Mustermann, er wisse langsam nicht mehr, wo vorne und hinten sei. Die Kanzlerin hatte darauf mit der Feststellung reagiert, vorn sei dort, wo der Adler hänge und hinten da, wo was rauskommen müsse. Die erbitterten Heiterkeitsausbrüche unterbrach Mustermann mit der Frage, was denn im § 7.316,2 Absatz 1 Satz 12 mit „transitorisch“ gemeint sei. Der Bundeswirtschaftsminister wies die Frage als infam zurück, musste aber in der nachfolgenden Diskussion eingestehen, noch nie in seinem Leben in einen Gesetzestext geschaut zu haben. In das dieser Äußerung folgende betretene Schwei¬gen sagte Mustermann dann: „Ich auch nicht.“ Die folgenden Verbrüderungsszenen zwischen den Fraktionen, dass gemeinsame Zerreißen von Vorlagen und Anträgen, übertrug die ARD nicht mehr.

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3 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Zwischenfall

  1. O Mann, das ist ja wohl eine herrliche Posse, auch dass die Pointe, nämlich die gnadenlose Strafversetzung einer stellvertretenden Hilfsschreibkraft vorneansteht, was gleichsam die Bedeutsamkeit dieser Maßnahme herausstellt, ja das gefällt mit sehr.

    Es grüßt herzlich
    der stellvertretende und chronisch arbeitsscheue Sachverständige der Unteren Humorregistratur im gelegentlichen Auftrag des Teestübchens Trithemius,
    Jules

    P.S.: Ernsthaft beunruhigt über die Androhung, dass die Kabnzlerin ihre Haare wachsen lassen und sich ggf trotzdem nicht mehr kämmen will.

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