Kurzgeschichte: Leseerfahrung

Ich wollte nicht schreiben. Jedenfalls nicht, wenn es bedeutete, einen Griffel in die Hand zu nehmen und damit Zeichen auf eine Schiefertafel zu kratzen. Aber Sechsjährigen hört ja niemand wirklich zu. Der spätere Übergang auf den Füllfederhalter machte mir das Schreiben auch nicht leichter, denn dieses Schreibgerät, das regelmäßig aus einem kleinen Tintenfässchen betankt werden konnte Kleckse produzieren, nein, hinterließ ganz zuverlässig Kleckse.
Hätte ich damals schon von Murphys Law gewusst, mir wäre klar gewesen, dass Tinte immer erst ganz am Ende der Seite aufs Papier tropft., dann nämlich, wenn die ellenlange Hausaufgabe so gut wie fertig geschrieben ist. Die großflächigen blauen Sprenkel auf meinen Arbeiten hinderten meine Lehrer jedoch keineswegs daran, noch ihre eigenen Anmerkungen daneben zu setzen.
Ob ich damals wohl daran gedacht habe, nur noch mit roter Tinte zu schreiben, weil alle anderen, die sich mit meinen schriftlichen Leistungen befassten, das ja auch taten?
Kurz gesagt, ich schrieb weder schön noch richtig.
Ein Klassenzimmer in einer weiß getünchten zweistöckigen Volksschule, die damals noch nicht Karl-Ernst Osthaus Grundschule, sondern Evangelische Gemeinschaftsschule Hagen-Halden hieß. Dieses, mein Klassenzimmer, befand sich im Erdgeschoss, es gab also Aufstiegschancen für mich, denn in der ersten und zugleich obersten Etage saßen die Großen, also die Schuljahre fünf bis acht. Das Neunte war noch nicht eingeführt.
In der Eingangshalle, von der eine breite Treppe nach oben führte, stand ein großer weißer Kasten, der wie diese riesigen amerikanischen Kühlschränke aussah und sich auch so öffnen ließ, nur dass die Schulmilch und meine Tüte Kakao dort gewärmt statt gekühlt wurden – und ich hasste warmen Kakao. Den Fußboden zierte eine Windrose, keine Ahnung, warum ich mir das gemerkt habe.
Der morgendliche Fingernagel- und Taschentuchappell auf dem Schulhof war wieder einmal ohne allzu große Peinlichkeiten beendet, auch gebetet und gesungen hatten wir schon. Zu jener Zeit wünschte ich mir übrigens manchmal, an einem Frühlingstag draußen auf dem asphaltierten Schulhof zu stehen und meine Schulkameraden durch die weit geöffneten Fenster singen zu hören, vermutlich, weil ich engelsgleiche Stimmen zu hören erwartete. Wenigstens diese bittere Enttäuschung hat mir das Leben erspart. Vorn am Pult saß Frau Gretel, eine von allen geliebte Lehrerin, die ich fürchtete wie Hänsel die Hexe.
Wieder einmal hatte ich es bis kurz vor Schluss der Unterrichtsstunde geschafft, nur noch ganz, ganz wenig Zeit voller Hoffen und Bangen bis zum Pausenklingeln – gleich würde ich erlöst sein.
„Wir gehen jetzt die Hausaufgaben durch. Ihr solltet einen Aufsatz zum Thema „Mein schönstes Ferienerlebnis“ schreiben.“ Frau Gretel sah mich an und ich wusste es, bevor sie es sagte, sogar, bevor sie mich mit ihrem Blick aufgespießt hatte: “Manfred, liest Du bitte vor.“
Wieder ich. Dabei gab es in meinem Heft neben all den Klecksen doch kaum Platz für Aufsätze. Und ich war auch noch wenige Unterrichtsstunden zuvor an der Reihe gewesen – und ohne Hausaufgaben erwischt worden. Für die Beurteilung meiner schriftlichen Leistungen im Fach Deutsch reichte das normale Zensurenspektrum kaum noch aus. Nur mündlich war ich noch schlechter, weil ich mich einfach nicht am Unterricht beteiligte. Ich würde mich steigern müssen, damit meinen Eltern beim nächsten Sprechtag mitgeteilt werden könnte, dass meine Versetzung gefährdet sei.
Voller Verzweiflung durchblätterte ich mein Heft, dessen Seiten vom vielen Radieren fast schon transparent waren, als hoffte ich zu finden, was nicht dort sein konnte. Und es läutete immer noch nicht zur Pause. Wer erzählte eigentlich immer etwas von der schönen Kindheit? Ich war nichts als ein armes Würmchen, das sich unter den Blicken der strengen Lehrerin wandte. Und dann die Erleuchtung, der Geistesblitz, der Ausweg: Ich las einen imaginären Aufsatz vor. Erfand Satz für Satz eine Geschichte und brachte sie glücklich zu Ende. Schwein gehabt.
„Sehr schön. Liest Du bitte noch einmal von vorn vor.“
Das muss der Moment gewesen sein, in dem mir klar wurde, dass ich um das Schreiben nicht herumkommen würde.

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6 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Leseerfahrung

  1. Das Schreiben mit dem Griffel habe ich auch gehasst, allein wegen der Kratz- und schrillen Quietschgeräusche, die er auf der Tafel machte. Aber ich hätte mich nie getraut, eine Geschichte einfach zu erfinden, die gar nicht im Heft stand.

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