Die guten alten Zeiten 2.0

Selten findet ein so großes Ereignis in einem so kleinen Rahmen statt, doch ist es der guten Sache geschuldet, dass wir unserer segensreichen Tätigkeit nicht im Lichte der Öffentlichkeit nachgehen können. Ich begrüße Sie also leise, aber deshalb nichts weniger herzlich zur Eröffnung des Instituts zur Rekonstruktion der Geschichte.

Bisher galt: Wer das Sagen hatte, bestimmte die Zukunft. Künftig wird aber auch gelten: Wer das Sagen hat, der bestimmt die Vergangenheit. Nun werden Sie einwenden, die Zukunft steht noch bevor, sie wird gemacht, sie kann also beeinflusst werden. Die Vergangenheit hingegen ist schon geschehen, sie ist abgeschlossen, und entzieht sich damit der Beeinflussung. Aber wenn wir ehrlich sind, dann gestehen wir uns doch ein, dass es immer die Sieger waren, die Geschichte schrieben. Siege oder Niederlagen bedurften schon immer der Interpretation – aber wir alle wissen, wie leicht etwas falsch interpretiert wird, wie leicht etwas umgedeutet werden kann.

Deshalb wollen wir es nicht dabei belassen, Geschichte zu interpretieren. Wir wollen und werden sie machen. Und – so werden Sie sich jetzt fragen – wo bleibt denn da die Wahrheit? Aber – so frage ich Sie – was ist denn Wahrheit? Ist das, was da zufällig auf dem Schlachtfeld entschieden wird, Wahrheit? Ist die Kugel, die den Schwedenkönig auf dem Schlachtfeld dahinrafft, Wahrheit? Ist die abgekupferte Dissertation des politischen Hoffnungsträgers Wahrheit? Wahrheit sollte doch sein, was gut und richtig ist – und dafür stehen wir ein. Geschichte darf nichts Zufälliges sein, das Heckenschützen und Nestbeschmutzern überlassen wird.

Jetzt schmunzeln Sie und denken an Zeitreisen und logische Probleme, die entstehen, wenn wir in die Vergangenheit reisen und per Unglück unseren eigenen Vater überfahren. Nun, ich kann Ihnen versichern, dass wir keinerlei Interesse an übersinnlichen Erfahrungen oder quantenphysikalischen Experimenten haben. Wir setzen ganz auf die Macht des Wortes, des Bildes und des Glaubens. Wer die Lehrpläne bestimmt, bestimmt auch die Lehrbücher, wer die Lehrbücher kontrolliert, kontrolliert die Köpfe.

Natürlich darf man da nicht überhastet vorgehen. Stünde etwa in einem Geschichtsbuch des Jahres 2015, dass Deutschland den ersten Weltkrieg gewonnen hat, so schlügen die Wogen wohl hoch. Deuten wir aber langsam um, machen wir die deutschen Demokraten um Ebert und Stresemann zu moralischen Siegern, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Und die Niederschlagung der revolutionären Umtriebe in Bayern oder Berlin durch die Reichswehr und die Freikorps, die werden doch schnell zu Siegen der Republik… warum nicht auch gegen die Franzosen? Die Russen waren doch in ihre eigene Revolution verstrickt… da ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis wir den Krieg gewonnen haben, der uns von den Russen aufgezwungen wurde.

Eine Kinoproduktion mit Starbesetzung – ich denke da an Til Schweiger – spielt dieses Szenario durch, Wissenschaftler diskutieren darüber, lehnen die wissenschaftlich nicht haltbare Darstellung der Fakten in langen, unverständlichen Monologen ab, aber wer merkt sich, was die Eierköpfe sagen, wer schaltet die Dokumentation nach der TV-Premiere überhaupt ein? Und wer lässt sich nicht von einem gut gemachten Historiendrama beeindrucken? Die amerikanischen Kollegen machen uns das mit dem Vietnamkrieg gerade vor. Ich frage Sie: Weshalb sollten wir uns unser Deutschlandbild von jemandem wie Hitler kaputt machen lassen? Es gibt sie doch, die kollektive Sehnsucht nach den guten alten Zeiten – uns wir werden dafür sorgen, dass diese Zeiten noch besser waren.

Die Herrschaft über die Medien, die Produktion von Kinofilmen und Heldengeschichten reichen aber nicht, wir müssen auch dafür sorgen, dass die verbliebenen Fakten stimmen. Archive sind zu bereinigen, Denkmäler zu korrigieren, Gemälde auszutauschen und in der Folge ganze Reihen von Büchern einzuziehen.

Eine Herkulesaufgabe – gut, dass wir schon vor Jahrzehnten damit begonnen habe

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6 Gedanken zu “Die guten alten Zeiten 2.0

  1. Leider traurige Realität, wenn in japanischen Schulbüchern nichts über die Greueltaten der Japaner in China zu lesen ist, wenn in türkischen Schulbüchern der Völkermord an den Armeniern beschönigt wird. Es gibt viele Beispiele der Geschichtsklitterung, wie du sie hier vorstellst. Der Historiker Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fäschungen“. Irgendwann wandelt sich die Fälschung und wird verbriefte Wahrheit , wie die berüchtigte „Konstantinische Schenkung“, eine Fälschung aus dem 8. Jahrhundert, worauf sich das gesamte Papsttum gründet. Fälschungen wie in deinem Text gibt es eben nicht nur in der Literatur wie massiv in Orwells Dystopie 1984, worin ein „Wahrheitsministerium“ damit beschäftigt ist, permanent die Geschichte umzuschreiben. Gut, mal zu erinnern, dass es Alltag ist.
    Andererseits ist die eigene Vergangenheit ein wichtiger Besitz, der nicht mehr umgeschrieben werden kann.

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      • Ja, du hast Recht. Ein seltsamer Vorgang ist das: Wann immer ich Autobiografisches aufgeschrieben habe, ersetzt das Aufgeschriebene die vage Erinnerung. Zum Glück habe ich zehn Jahre intensiv Tagebuch geführt und wenn ich die entsprechende Notiz finde, sehe ich, es war ganz anders. Ist ja sowieso meistens alles ganz anders als man zu wissen glaubt. 😉

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      • Wenigstens hast du das Tagebuch, ich habe nur die Erinnerungen und natürlich die Erinnerungen, die andere beisteuern – und die mich verblüffen. Kann nicht sein, so war ich nicht. Blinder Fleck in der Selbstwahrnehmung.

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  2. Was heisst hier Jahrzehnte? Das geschieht doch schon, seit so etwas Geschichte geschrieben wird.
    Und wenn ich da an unseren Schweizer Gürndungsmythos denke (Wilhelm Tell, Rütli, Morgarten etc.)… das meiste davon ist eine Frucht der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Mythenbildung eben im Dienste der Kohärenz des jungen Bundesstaates 😉

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  3. Genau, der effektivste Teil der Neudefinition der Geschichte erfolgt wohl auch durch Mythen – in der deutschen Geschichte ist das die Dolchstoßlegende, der Mythos vom im Felde unbesiegten Heer des ersten Weltkriegs, das nur durch die Aufrührer in der Heimat am sicheren Sieg gehindert wurde. Heute sind es eher die Massenmedien, die unsere Sichtweise neu justieren, Dinge in den Vordergrund rücken und uns alle früher oder später zu Helden des Widerstands, Freiheitskämpfern und Lieblinge aller Nationen machen.

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