Kurzgeschichte: Arthur

Ein unangenehm kalter Wind fegte durch die fast menschenleere Fußgängerzone. Es lag kein Schnee mehr, das war aber auch die einzige Konzession, die der Winter bisher zu machen bereit gewesen war. Rasch betrat ich den Kaffeeausschank und zog die Tür hinter mir zu.

Ein Becher richtiger Kaffee war das Highlight meiner Mittagspause, kein Caffè macchiato in einem trendigen Café, das den Anspruch auf Erlebnisgastronomie pflegte, sondern schwarz, heiß und ohne Zucker in der Filiale eines Großrösters. Meist standen noch einige andere Gäste an den wenigen brusthohen Tischen, Hausfrauen, die sich zwischen Karstadt und Kaufhof eine heiße Schokolade mit Sahne aus der Sprühdose genehmigten, Berufstätige aus der Stadtverwaltung, wie ich Freigänger in der Mittagspause, die ein paar Schritte taten und mit den Kollegen schwatzten.

Auch diesmal war ich nicht allein. Ein schmächtiger Mann, gut in den Fünfzigern, hatte wohl, gerade als ich den Laden betrat, auf eine Bemerkung der Bedienung reagiert und damit die beiden anderen Gäste, zwei Männer, die sich im weiteren Verlauf als Beamte zu erkennen gaben, zum Lachen gebracht. Während ich auf meinen Kaffee wartete, nutzte er seine Kontaktchance und setzte gleich nach. „So was muss man mit Humor nehmen, nicht wahr?“

Wer kann da schon widersprechen? Ich zahlte und suchte mir einen Platz, bei dem ich möglichst niemandem im Wege stand.

In der Zwischenzeit hatte sich ein Gespräch ergeben, dass allerdings fast ausschließlich von dem schmächtigen Mann bestritten wurde. Ich sah ihn mir näher an. Noch beim Betreten des Raums hatte ich ihn für eine gepflegte Erscheinung gehalten, doch aus der Nähe betrachtet wirkte alles nur noch routiniert. Er war nicht wirklich gut gekleidet, sondern wollte den Eindruck vermitteln, gut gekleidet zu sein, selbst seine Munterkeit war eine Spur zu dick aufgetragen. Und gleich darauf bestätigte es sich: Vertreter, seit zwanzig Jahren auf der Bahn. Unaufgefordert begann er aus seinem Leben zu erzählen, ganz offenbar bemüht, sein Publikum gut zu unterhalten. Lauter kleine Geschichten, die davon handelten, wie er von irgendwelchen hohen Tieren oder jungen Spunden schlecht behandelt worden war und deren Moral darin bestand, dass man sich besser nicht mit diesem wortgewandten Burschen anlegen solle – und doch verkündete eine jede dieser fröhlich vorgetragenen, absolut pointenlosen Storys eine ganz andere Botschaft, die – von ihm selber abgesehen – jeder der Anwesenden zu verstehen schien. Lauter kleine Siege schilderte er und wir, seine Zuhörer, dachten an die endlose Kette von Erniedrigungen und bitteren Niederlagen, deren wenige Perlen er stolz vorzeigte.

Gemeinsam mit den beiden Beamten verließ ich das Geschäft. Wir sahen uns an, und in diesem Blick lag fast so etwas wie eine unausgesprochene Komplizenschaft. Wir hatten gemeinsam eine Geschichte, eine Heldensage, gehört. Ein kleiner, alternder Mann hatte sich seinem – vielleicht selten gewordenen – Publikum als lebenserfahrener Held und listenreicher Verkäufer präsentieren können. Wir hatten ihm nicht widersprochen und gelegentlich höflich gelächelt. Wir hatten weder Mitleid noch Desinteresse bekundet, und nun war uns das alles ein bisschen peinlich. Nach so einem Erlebnis mochte Arthur Miller nach Hause an den Schreibtisch geeilt sein und seinen „Tod eines Handlungsreisenden“ geschrieben haben. Und ich? Ich schrieb über Arthur Miller.

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Arthur

  1. Deine Schilderung des Vertreters tut ja richtig weh. Gut, dass du keinen o-Ton des Verlierers gibst. Solche Menschen sind mir schon begegnet, die das nicht merken, was alle anderen spüren. Ich glaube, das ist ein notwendiger Selbstschutz, wenn man einen Beruf hat, worin man immerzu gedemütigt wird. So lustig wie in Loriots Sketch „Vertreterbesuch“ ist dieser Beruf nicht.

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    • Der Vertreter steht hier – nehme ich mal an – stellvertretend, was sollte ein Vertreter auch sonst tun – für viele andere Berufe und Situationen. Mobbing, Überforderung, was auch immer dazu führen mag, plötzlich ist der Glanz dahin, alles wird mühsam und muss doch weitergehen.Dann braucht man die Fassade und die Geschichten, die man anderen erzählt, damit man sie selbst noch glauben kann.

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