Kurzgeschichte: Kurskorrektur

Er überflog das Programmheft. „Retrograder Englischkurs“, stand da. Eigentlich ein plausibles Konzept, das aus der Tatsache heraus entstanden war, das nur wenige Kursteilnehmer bis zum Ende eines Kurses durchhielten, aber kaum jemand den Anfang versäumte. Jetzt fanden die Prüfungen gleich in der ersten Stunde statt, die Lektionen folgten im Anschluss. „Der Jogi-Löw-Effekt – mehr Erfolg mit schwäbischem Akzent“ als Ergänzung zum Bewerbungstraining und – in einer Reiterstadt unvermeidlich – „Abgesattelt – Leckeres vom Pferd“. Nein, das war es nicht. Blieb noch der Wochenendkurs „Wieder nichts für mich dabei!“, der sich an Leute richtete, die gern einmal einen VHS-Kurs besuchen wollten, sich aber für keines der Angebote entscheiden mochten. Aber jetzt war es zu spät dafür.
Der Brief, der in einem blassblauen Behördenumschlag gesteckt hatte, lag vor ihm auf dem Tisch. Graues Recyclingpapier, eine Schriftart, vermutlich Courier, die der guten alten Schreibmaschinentype nahe kam und offenbar als besonders geeignet betrachtet wurde, in offiziellen Schreiben unangenehmer Art als optisches Äquivalent eines nörgelnden Tonfalls Verwendung zu finden.
„Sehr geehrte(r) Herr / Frau…,
Ihr persönlicher Weiterbildungskoeffizient, errechnet nach den Daten des statistischen Landesamtes unter Berücksichtigung Ihrer Sozialversicherungsunterlagen, liegt bei – 4,2. Dazu sollten Sie wissen, dass +/-0 für unverschuldete Ahnungslosigkeit steht.
Im Rahmen der Agenda 2010 und in der Folge des PISA-Schocks hat die Landesregierung, wie Ihnen gewiss entgangen ist, die Prinzipien des Forderns und Förderns auch auf den Bereich der privaten Weiterbildung ausgedehnt. Wir fordern Sie hiermit auf, am kommenden Donnerstag um 20:00 Uhr im Raum 23 der VHS zu erscheinen. Bis dahin überweisen Sie bitte Ihren Beitrag in Höhe von 120,00 Euro, womit auch der Aspekt des Förderns abgedeckt ist.

Da Sie bisher keine VHS-Kurse besucht haben, konnte für Sie kein persönliches Präferenzraster erstellt werden. Nach § 3, Abs. 2 der VHS-Satzung, geändert am 19.02.2007, erfolgt die Zuweisung Ihrer Person zu einem Kurs nach dem Auslastungsgrad der angebotenen Kurse. Bringen Sie daher bitte Schreibzeug, eine Decke, Wollsocken, eine Heckenschere, Acrylfarben und eine Schürze mit.

Rechtsmittelbelehrung
Sollte ein Kurs wegen nicht ausreichender Teilnehmerzahl nicht zustande kommen, weil Sie zum angegebenen Zeitpunkt nicht erschienen sind, werden wir Ihnen den entstandenen Schaden in Rechnung stellen. Private Regressansprüche potenzieller Teilnehmer bleiben davon unberührt.
Gegen diesen Bescheid hätten Sie bis gestern Rechtsmittel einlegen können. Leider haben Sie diesen Termin verstreichen lassen. Damit gefährden Sie Arbeitsplätze in unserer Rechtsabteilung!
Wir wünschen Ihnen viel Freude an Ihrem VHS-Kurs!
Mit freundlichem Gruß…“

Nochmals ließ er die Blätter des Programmhefts rasch durch seine Finger gleiten. Es stimmte. Seit Jahren hatte er an keinem der Kurse teilgenommen. Nicht mal das Programmheft hatte er gelesen, vom Vorwort einmal abgesehen, dass schrieb er schließlich selbst.

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11 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Kurskorrektur

  1. Tolle Kurzgeschichte, die genau da endet, wo wir uns Gedanken machen sollten zu derart dystopischen Entwicklungen in einer verwalteten Welt. Ich glaube, das ist nicht weit entfernt von den Schikanen, die manche Harzt-IV-Empfänger erleben. Trotzdem musste ich schmunzeln.

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  2. Eine hervorragende Idee! Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll. Oder gar tragisch. Es ist genial, auf jeden Fall. Wenn ich bisher keine VHS-Kurs angeboten habe, dann vor allem, weil ich sowieso mit keinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern rechne. Aber dieses Modell wird selbst meinen „Smoothies auf Bio-Rindfleischbasis mixen“-Kurs mit Lerngezwungenen – Verzeihung, Lernwilligen – fluten. Zumal die Zwangsanmeldung (Bildungszwang für alle, ich bin ganz aus dem Häuschen) eine endlich mal vernünftig formulierte Rechtsbehelfsbelehrung enthält. Nicht, dass die landläufig verwendeten Rechtsbehelfsbelehrungen nicht auch nett formuliert wären. Aber genau genommen fordern sie doch regelrecht dazu auf, einen Widerspruch einzulegen. Ich bin ganz aufgekratzt. In der vor mir liegenden schlaflosen Nacht werde ich mir Konzepte für weitere lebensnahe Zwangsvolkshochschulkurse überlegen. (Wenn ich es wagen dürfte, an dieser Stelle noch eine kleine Anregung zu geben: Die Einführung einer Atem-Steuer ist meines Erachtens längst überfällig.)

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