Salticus scenicus

•Source: picture taken by Olaf Leillinger on 2005-09-18 • License: CC-BY-SA-2.5 and GNU FDL

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Ich teile seit wenigen Tagen meinen Arbeitsplatz mit einer Spinne. Ich pflege zumindest die Überzeugung, dass es ein beabsichtigtes Teilen ist, ein Akt der Duldung sozusagen, wenn auch nicht der Zuneigung, den ich jederzeit durch eine gewalttätige Intervention beenden könnte. Wie das so ist mit Bekanntschaften, man sieht sich einmal, nimmt kurz Notiz voneinander, und vergisst den Anderen sogleich wieder. Was mir bei Spinnen nicht passiert. Ich will nicht sagen, dass ich unter einer Phobie leide. Ich kann sie nur nicht ausstehen. Zu viele Beine, zu schnell, zu still…

Obwohl: keine Ahnung, ob Spinnen Geräusche machen können, ich glaube, ich will das nicht wissen. Ab einer bestimmten Größe weigere ich mich, in ihre Nähe zu gehen und brauche die Hilfe einer furchtlosen Heldin (meiner Frau), um mich wieder in Sicherheit wiegen zu können. Das erzähle ich nicht, um mich hier selbst vorzuführen, sondern um die Bedeutung des Vorgangs noch einmal heraus zu stellen: Ich teile meinen Arbeitsplatz mit einer Spinne. Gut, sie hat sich entschlossen, ihren Lebensraum mit mir zu teilen, obwohl sie eigentlich, wie ich inzwischen nachgeschlagen habe (klingt viel gebildeter als gegoogelt) steinige Trockenrasen bevorzugt. Ich weiß zwar nicht genau, wo sich solche Rasen finden lassen, mein Arbeitsplatz ist aber sicher völlig rasenfrei. Hier rasen nur meine Finger über die Tastatur.

Inzwischen weiß ich, dass es sich um eine Zebraspringspinne handelt, die auch Harlekinspringspinne genannt wird. Offenbar kann ich mir nichts auf ihre Anwesenheit einbilden, denn sie wurde wegen ihrer Auffälligkeit zur Spinne des Jahres 2005 gewählt. Ich mag nicht mal daran denken, dass es Jahr für Jahr eine Spinne des Jahres gibt. Seit wann wird dieser Preis denn wohl verliehen? Wie viele Arten gibt es und kommt jeweils ein Exemplar zur Preisverleihung? Meine soll zwei große Frontaugen, zwei nach vorn gerichtete Augen und je zwei Augenpaare an den Seiten des Vorderleibs besitzen – damit kann sie auch nach hinten sehen.

Jetzt, gerade jetzt, spaziert sie neben mir die Wand entlang, aufreizend langsam, ich kann den Blick nicht von ihr lassen, schreibe blind weiter, die Handelsschule war doch zu etwas gut. Man erkennt die Zebraspringspinne an den „sehr langen, schräg nach vorn gerichteten Cheliceren“ sagt Wikipedia. Ach so. Ja dann.

Moment, ich muss gerade mal abschätzen, wie weit sie von mir entfernt ist, sie kann nämlich das Zwanzigfache ihrer Körperlänge in einem Satz überwinden und mit einem Giftbiss töten… und während das Gift – bestimmt langsam und schmerzhaft – wirkt, hält sie ihr Opfer mit ihren kräftigen Beinen fest. Sie ernährt sich von Insekten… die es hier auf meinem Schreibtisch nicht gibt. Nein, es ist hier zwar nicht klinisch sauber… jetzt lauert sie hinter meiner Schreibtischuhr… aber sie wird hier nicht genug Nahrung finden. Wölfe meiden Menschen, aber wenn sie ausgehungert sind, dann…Okay, wenn man höchstens 7 mm groß wird, dann braucht man eine Menge Gift, um einen erwachsenen Mann… andererseits ist meine Zebraspringspinne bestimmt fast einen Zentimeter groß. Ich muss jetzt aufhören, sie rennt über meinen Monitor und versucht den Cursor anzugreifen.

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14 Gedanken zu “Salticus scenicus

  1. Die Harlekinspinnen sind das also, die zuhauf am Dachfenster ihr Unwesen treiben. Bislang waren sie immer die Hüpfspinnen. Mir ist aufgefallen, dass Spinnen, die im Innenraum riesig und furchterregend wirken, draußen plötzlich klein und unscheinbar sind. Diese Beobachtung lässt sich machen, wenn es gelingt, sie mit einem sehr langstieligen Sektglas einzufangen, Postkarte oben drauf, und hinauszubefördern, Einmal habe ich mir bei einer solchen Aktion den kleinen Zeh gebrochen. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Gefällt 3 Personen

  2. Eine tolle Geschichte! Nichts für Leute mit Spinnenphobie. Eine Exfreundin von mir glaubte, eine zu haben und meldete sich zu einer Untersuchung der Uni Düsseldorf an. Ich begleitete sie, und wir fanden uns in einem Hörsaal mit lauter Arachnophobiekerinnen. Denen wurden Bilder von Spinnen an die Wand projiziert. Einige Frauen wurden grün im Gesicht und mussten raus, um sich zu übergeben. Nur meine Freundin blieb ruhig. Sie hatte wohl doch keine Spinnenphobie.

    Ich fange solche Gäste immer mit einem Glas. Drüberstülpen und mit einer zwischen Wand und Glas geschobenen Karte abdichten. Aber deine Spinne verdient beinah, bei dir zu bleiben. Hat sie dich doch zu einem schönen Text inspiriert.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Das Tier | Manfred Voita

  4. Absolut herrlich geschrieben!
    Mit jenem Flair an Humor, den ich sehr mag,
    im Laufe des Lesens schmunzelte ich immer mehr…

    Ich habe eigentlich nichts gegen Spinnen, eher im Gegenteil finde ich sie so interessant, dass ich in der Wilhema sogar extra immer ins Spinnenhaus gehe 🙂

    Dankeschön für deine Erzählung,
    liebe Morgengrüße vom Lu

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