Denkste

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Der folgende Text eignet sich vermutlich besonders für die Lesung mit verteilten Rollen. Größere Familien oder WGs haben also deutliche Vorteile beim Kunstgenuss.

Straßengeräusche, Autos, Passanten.
Reporter: „Herzlich Willkommen und einen schönen guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer. Heute heißt es wieder einmal „Live im WDR“. Diesmal sind wir zu Gast im „Kunststück“.“
Reporterin: „Genau.. und auch von mir einen schönen Gruß an Sie daheim an den Empfangsgeräten. „Kunststück“, das ist das Kulturzentrum am alten Posthof. Kneipe, Konzert- und Theaterbühne und natürlich auch Galerie.“
Reporter: „Und eingeladen sind wir heute Abend in der Galerie. Wir sind ganz gespannt, was der Abend uns bringt.“
Eine Tür wird geöffnet, die Straßengeräusche verschwinden und werden durch Stimmengewirr, Gelächter, klirrende Gläser und Zurufe ersetzt.
Männerstimme: „Mach mir noch mal zwei Bier!“
Reporterin: „Guten Abend, wir sind vom WDR. Frau Gismar erwartet uns.“
Frauenstimme: „Frau Gismar? Die finden Sie im ersten Stock. Da gleich die Treppe hoch.“
Reporter: „Danke“
Schritte, knarrende Stufen, das Gemurmel wird leiser, eine Tür wird geöffnet, es ist still. Im Hintergrund wenige Stimmen, eher unterdrückt, tuschelnd.
Reporter: „Frau Gismar?“
Gismar: „Bernadette Gismar. Sie sind vom WDR? Wo sind denn die Kameras?“
Reporterin: „Kameras? Wir sind vom Hörfunk!“
Gismar: „Hörfunk? Ich dachte, der WDR hätte sogar schon Farbfernsehen.“
Reporterin: „Da sollten Sie mal mit den Leuten von der Technik reden. Aber nicht erschrecken, die halten Pop Art für pornografische Kunst.“
Gismar: „Ich lach dann später… Übrigens, was machen Sie da eigentlich mit dem Mikrophon? Sie nehmen das doch nicht etwa auf?“
Reporter: „Nein. Wir nehmen nichts auf. Wir gehen live über den Sender.“
Gismar: „Äh.. ja, dann… Schön das Sie hier sind. Ich weiß zwar nicht… Aber sehen wir… äh … hören wir uns doch einmal hier um. Die Vernissage findet in den vorderen Räumen statt.“
Schritte in hallenden Räumen, das Murmeln wird lauter.
Gismar (laut): „Liebe Kunstfreundinnen und Freunde, kommen wir zum nächsten Highlight unserer kleinen Abendgesellschaft. Der international gefeierte Pantomime Flex wird uns mit seiner poetischen Darbietung verzaubern…“
Reporterin: „Na toll.“
Die Geräusche verstummen, Beifall.
Reporter mit gedämpfter Stimme: „Ich werde einmal versuchen, für Sie daheim meine Eindrücke zu beschreiben. Das Licht ist erloschen, ein einzelner Scheinwerfer tastet sich durch den Raum, sucht…“
Frau: „Psst!“
Reporter (noch leiser): „und findet jetzt den…“
Mann: „Das stört!“
Reporterin (flüsternd): „Komm, wir suchen uns solange einen anderen Raum.“
Schritte. Eine Tür fällt zu. Es wird leiser.
Reporter (hallend): „Geschafft.“
Reporterin (hallend): „Wir sind gleich wieder für Sie zurück bei der Eröffnung der Ausstellung…Moment, ich habe gerade die Einladungskarte mitgenommen: „Und siehe: Avantgardistische Positionen informeller Malerei.“
Wasserspülung.
Mann: „Das ist die Herrentoilette.“
Reporterin: „Entschuldigung. Wir sind vom WDR. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“
Mann: „Zu Herrentoiletten ganz allgemein oder haben Sie da spezielle Interessen?“
Reporter: „Farbfernsehen hätte jetzt doch etwas, manche Rottöne lassen sich sprachlich einfach nicht vermitteln.“
Mann: „Sie wollen über die Ausstellung berichten?“
Reporterin (etwas schnippisch): „Sind Sie Hellseher?“
Mann: „Mentalist. Ich stehe auch auf dem Programm. Der nächste Punkt. Bilder im Kopf.“
Reporter: „Du denkst an etwas, er sagt dir, woran.“
Reporterin: „Wehe!“
Reporter: „Aber… ich glaube, ich habe da eine Idee. Da könnten wir doch gemeinsam etwas für unsere Zuhörer bieten. Interessiert, Herr…?“
Mann: „Osiris“
Reporterin: „Das ist jetzt aber Ihr Künstlername, oder?“
Osiris: „Sie sind auch Hellseherin?“
Es klopft an die Tür. Die Tür wird geöffnet. Beifall verebbt.
Gismar: „Sie können gern wieder rauskommen.“
Reporterin: „Gerade jetzt, wo es richtig nett wurde.“
Reporter: „Meine Damen und Herren, liebe Gäste, verehrte Frau Gismar. Der bekannte Mentalist Osiris wird uns nun eine Kostprobe seines Könnens geben. Wir stehen hier vor einem Werk des… nein, ich will Ihnen gar nicht zu viel erzählen, um Ihre Phantasie nicht zu beeinflussen. Osiris wird sich nun auf meine Gedanken und meine Gefühle konzentrieren und wird Sie an seiner geistigen Kraft teilhaben lassen. Osiris wird nicht die Gabeln in Ihren Schubladen verbiegen, sondern mit seinen telepathischen Kräften vor Ihren geistigen Augen all das erstehen lassen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich mich diesem Bild widme. Osiris? Sind Sie so weit? Dann geht es JETZT los.“
Stille. Dann leises Gekicher.
Reporterin: „Wie schade, dass wir nicht wissen, was nun bei Ihnen daheim passiert. Aber vielleicht schreiben Sie uns Ihre Eindrücke unter WDR…
Die Tür geht auf, jemand kommt rein
Mann (ruft): „Das große Bier für den Herrn vom WDR – und Ihr Taxi ist auch gleich da.“

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5 Gedanken zu “Denkste

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