Kurzgeschichte: Sprichwörtlich

Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität in Kooperation mit der Handwerkskammer bedanken sich auf diesem Wege für Ihre Teilnahme an dem Symposium „Zur intersubjektiven Relevanz präindustrieller metallurgischer Produktionstechniken für positiv geladene Bewusstseinszustände.“ Wie bereits angekündigt, werden die einzelnen Beiträge in einer Festschrift zur Emeritierung des Lehrstuhlinhabers des Instituts für irreguläre Bewusstseinszustände veröffentlicht, dennoch möchten wir Ihnen vorab einen kurzen Rückblick auf eine insgesamt sehr gelungene Veranstaltung an die Hand geben.

Das Referat über „Formen handwerklicher Selbstorganisation in der ständischen Gesellschaft“ von Dipl. Ing. Dr. Alexander Ohn stieß in der anschließenden Diskussion auf wenig Resonanz. Die Grundannahme, dass, wer es zum Meister gebracht hatte, damit auch sein Glück gemacht habe, wurde von der Mehrheit des Plenums als zu behavioristisch und marktradikal zurückgewiesen.

Unter dem Titel „Wagner, Alberich und der Schatz der Nibelungen“ fokussierte Frau Prof. Dr. Dr. Renate Hegen auf die materiellen Dimensionen des Glücksbegriffs und endete mit Ausführungen zur Etymologie des Wortes Schatz und des offenbar weit weniger wertvollen Schätzchens.

Die Mittagspause untermalte der Hans-Sachs-Chor der Kreishandwerkerschaft mit einem stimmungsvollen Medley aus den Meistersingern und wurde dafür mit chinesischen Glückskeksen belohnt.

Der folgende Referent Dr. Dr. Jan Wismann spürte in seinem Vortrag einer verborgenen Bedeutung, ja, einem versteckten Bekenntnis einer Minderheit nach, die ihr sexuell abweichendes Verhalten im lustfeindlichen 19. Jahrhundert nicht offen ausleben konnte. Über den Umweg des Sprichwortes, in welchem der Schmied auf wenig plausible Weise in einen Kausalzusammenhang mit dem Glück gebracht wurde, sei es, so der Referent, möglich geworden, ein Bekenntnis zur Gewalt in Liebesbeziehungen, oder um das Kind beim Namen zu nennen, zu sadomasochistischen Praktiken abzugeben. Dieser Interpretation entspräche zudem, dass der Ehering als Erzeugnis der Schmiede-, wenn auch der Goldschmiedekunst, letztlich nichts anderes sei, als das einzelne Glied einer Kette. Gekicher wie auch laute Missfallensrufe aus dem Publikum verhinderten weitere Anmerkungen des Vortragenden über die Funktionen der Kette und anderer Spielarten der Fesselung.

Abschließend trug die Referentin Frau Kathrin Beier als Vertreterin der Studentenschaft ihre Thesen über den Nachklang kolonialer Sprachbilder und kleinbürgerliche Daseinsängste vor. Den Ausgangspunkt bildete der Elefant im Porzellanladen, von dem sie über die Alliteration vom Glück und Glas, wie leicht bricht das, zum Schmied überleitete, der sich in Fragen des Glücks wohl kaum sensibler erwiesen haben dürfte, als besagter Elefant im Porzellanladen.

 

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6 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Sprichwörtlich

  1. Ich bin entzückt vom „Institut für irreguläre Bewusstseinszustände“, beim Weiterlesen aber immer mehr in den Bewusstseinszustand der amüsierten Verwirrung geraten und möchte hiermit nachfragen, ob das beabsichtigt war und ob das nicht irregulär ist?

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  2. Der Text ist gedacht als Parodie auf die oft hochgestochene, immer aber bewusst leserunfreundliche Manier des Formulierens, die an Hochschulen gängig ist und häufig genug nur die Funktion hat, davon abzulenken, dass die zu vermittelnden Botschaft schlicht trivial ist. In meinem kleinen Text geht es in all seinen Windungen immer nur um das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – und Verwirrung ist als Ziel der Übung anzusehen.

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  3. Feiner Text! Er unterstreicht vortrefflich die irregulären Bewusstseinszustände die Windows 10 mir noch bereitet. Aber: Neuer Rechner, neues Glück. Oder auch: Jeder ist seines Rechners Schmied. Oder so …

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