Kurzgeschichte: Angebissen

Erastus Salisbury Field [Public domain], via Wikimedia Commons

Erastus Salisbury Field [Public domain], via Wikimedia Commons

„Etwas Obst?“
„Obst ist mir Wurscht.“
„Voll bio und frisch vom Baum.“
„Ja, schon gut. Ich krieg Pickel vom Zuhören. Vegetarisch ist einfach nicht mein Ding, das ist mir inzwischen klar.“
„Ein wenig ungenau. Umgangssprachlich könnte man uns als Veganer bezeichnen…“,
„Wen kennen wir denn, der das tun sollte?“
„Lenk bitte nicht ab! Genau genommen sind wir Frutarier. Wir essen nur, was uns die Pflanzen geben, ohne dass wir sie beschädigen müssten.“
„Ja: Kokosnüsse, Mangos, Avocados, Orangen, Zitronen…“
„Das ausgerechnet Fallobst dich so auf die Palme bringt!“
„Paradiesische Zustände hab ich mir halt anders vorgestellt.“

„Und damit kommen wir zur Gretchenfrage.“
„Eigentlich geht es mir nicht um die Grätchen, mehr um den Fisch, aber ich glaube, ich verstehe was du meinst. Auch die Knöchelchen- oder die Knorpelfrage würde ich bei der Gelegenheit gern mal in den Raum stellen. Grätchen sind mir schon mal deutlich lieber als immer nur Kerne.“
„Bei dir geht es bei jeder Frage immer gleich um die Wurst. Die Gretchenfrage lautet aber: Wie hältst du’s mit der Religion?“
„Du meinst Tischgebete? Vor dem Essen, nach dem Essen? Solange es ordentlich was auf die Gabel gibt!“

„Wir hätten da nämlich noch diesen einen Baum…“
„Schon wieder Grünzeug? Immer nur Obst, Obst, Obst. Und irgendewas von dem Baum erst recht nicht.“
„Ach komm…“
„Nee, von den Früchten des Baumes mitten im Garten sollen wir nicht essen. Die sollen wir nicht mal anrühren, wenn wir nicht sterben wollen.“
„Tollkirschen haben wir doch auch schon gekostet. Und außerdem: Denk nur an das Märchen vom Marienkind, zu dem sagt die Jungfrau Maria: Liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreichs in Verwahrung: Zwölf davon darfst du aufschließen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verboten: hüte dich, dass du sie nicht aufschließest, sonst wirst du unglücklich. – Sie hätte auch gleich noch dazu sagen können: Hier hast du das Ölfläschchen, die Tür klemmt nämlich etwas.“
„Ja, kenn ich. Dazu fällt mir Blaubart ein, fast die gleiche Szene. Er sagt nämlich zu dem Mädchen, das er zur Frau genommen hat:“Ich muss eine große Reise machen, da hast du die Schlüssel zu dem ganzen Schloss, du kannst überall aufschließen und alles besehen, nur die Kammer, wozu dieser kleine goldene Schlüssel gehört, verbiete ich dir; schließt du die auf, so ist dein Leben verfallen.“
„Und – hält sich irgendwer an diese Anweisungen?“
„Natürlich nicht. Erstens: Wie sollten die Geschichten denn sonst weitergehen? Zweitens: Man kann doch nur noch an genau dieses eine verbotene Zimmer denken. Interessanter kann man es doch überhaupt nicht machen. Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten. Das Zimmer wird dadurch unwiderstehlich. Und alle Geschichten gehen auch noch gut aus.“
„Und bei diesem Baum wird es genau so sein. Übrigens ist das der Baum der Erkenntnis.“
„Baum der Erkenntnis? Sind wir hier bei Jugend forscht? Bin ich Ranga Yogeshwar? Wenn’s wenigstens ein Schinkenbaum wäre, so was wie im Schlaraffenland!“

„Dann mach ich eben den Anfang – und du bleibst unwissend. – Oh Gott! Du bist ja nackt! Und da, ist das eine Schlange?“
„Wieso Schlange?“

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5 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Angebissen

    • Beim Thema Wahrheit werden wir Nihilisten immer ein bisschen zickig… Ja, die Nolde-Bilder kenne ich aus Seebühl und mir sind sie eher zu … expressionistisch sollte ich wohl eher nicht sagen, zu wuchtig vielleicht. Nihilistisch war er sicher nicht, eher mit den Füßen tief im Schlick und Schlamm seiner dänisch/deutschen Heimat, der Nase im Wind und dem Kopf in den Wolken.

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      • Ich habe konkret diesen Nolde vor Jahren in Berlin in einer Gauguin-Ausstellung gesehen, wo er komplementär gezeigt wurde. Eine Freundin und ich standen davor, fingen erst leise an zu glucksen, bis wir schließlich laut lachten und uns die indignierten Blicke anderer Ausstellungsbesucher einhandelten. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis. Gauguin hinterfragt das Paradies, ohne mit der Ästhetik zu brechen. Nolde bricht auch damit und tut es zweifellos grob. Nicht einmal seine Schlange triumphiert. Vertreibung aus dem Paradies als irreversibler, anhaltender Zustand.

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      • Nolde bricht mit der Ästhetik – aber hinterfragt er das Paradies? Ist sein Bild nicht auch Ausdruck eines Kinderglaubens, eines magischen, von mythologischen Wesen besiedelten Nordens?
        Die Schlange – auf die ich bisher nicht geachtet hatte – erinnert mich an Kaa aus dem Dschungelbuch, nachdem Baghira oder Shir Khan ihr einen körperlichen Verweis erteilt haben. Wer da wohl bei wem abgeschaut hat?

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