Kurzgeschichte: Auszeit

„Wir lesen jetzt „van den vos reynaerde“. Jeder von Ihnen einen Satz – und dann schauen wir uns die Konstruktion an.“

Die Literaturseminare hatte ich hinter mir, sogar das zu Heiligenleben in mittelniederländischer Überlieferung. Die sprachwissenschaftliche Übung stand noch aus, sollte aber kein Problem sein, immerhin kam ich über den zweiten Bildungsweg. Gut, ich schrieb und formulierte nach Gefühl – aber für mein Gefühl richtig. Immerhin verfügte ich auch über Lateinkenntnisse im Umfang des kleinen Latinums, wenn ich auch die Prüfung komplett von einem japanischen Mitprüfling abgeschrieben hatte.

Ich schwitzte schon, als ich noch längst nicht an der Reihe war. Aber die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten. Meine Sitznachbarin las eine Textpassage, der Professor hakte ein und fragte sie:
„… was ist das für eine Zeit?“ –
„Futur I?“ versuchte sie schüchtern.
„Nein, ganz falsch. Präteritum!“ korrigierte der Professor ungehalten und murmelte etwas vom tendenziellen Fall der IQ-Rate. Und dann war ich auch schon dran.
„…, die Zeit bitte!“
„Es ist gleich acht!“ versuchte ich mit dem nahen Ende der Stunde noch einmal zu entwischen, doch der Prof lächelte nicht einmal, sondern ließ seine Frage einfach im Raum stehen. Ich hatte nicht einmal die Frage verstanden.
„Neolitikum?“ riskierte ich. Der Professor schaute etwas irritiert über den Brillenrand. Das hatte ich nun davon. Ein kleines Sonderexamen wurde eingeschoben.
„Der Mann ist tot. Zu welcher Wortart gehört ‚tot‘?“ –
„Ein Definitiv?“ probierte ich. Dem Professor standen Tränen in den Augen.
„Raus, raus!“ polterte er.
„Imperativ!“ rief ich siegessicher, während er die Tür hinter mir zuknallte.

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9 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Auszeit

      • Ich habe diese kleine Geschichte vorhin meiner Tochter (der hochschwangeren, frischgebackenen Frau Dr. …) erzählt, und sie war von der Wortart „Definitiv“ auch hell entzückt. Das Ungeborene allerdings bekam darob einen Schluckauf. Und was das wohl zu bedeuten hat …?

        Eigenzitat:
        Es lassen uns die Wege und die Jahre
        mit etwas Glück die Pracht
        der grauen Haare.

        (Andere werden ganz kahl. Sieh ’s mal so.)

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      • Mozart und Chinesisch für das Ungeborene gelten weithin als durchaus angemessen, Sprachwissenschaft hingegen stößt bei den Pränatalen offenbar auf wenig Gegenliebe. Vielleicht ein angehender Naturwissenschaftler?

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  1. Was will der Autor damit sagen? 😉 Mir fällt dazu ein, dass manches Wissen als Grundgerüst nötig ist, um etwas anderes zu tun (hier z.B. das Lernen von Sprachen), aber vieles, was man lernen muss, ist sinnlos, unsinnig und bringt nichts.
    Der arme Professor 😉

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  2. Das ist schon richtig, wenn man z. B. Sprachen lehren will, braucht man ein anderes und tieferes Verständnis, als wenn man nur die Absicht hat, sich durch die Belletristik zu wurschteln. Und die Kernausage – soweit ich als Autor berechtigt bin, eine solche zu identifizieren – lautet wohl: Die ärgsten Erlebnisse der Kindheit und Jugend taugen immer noch für einen Schwank. Oder kürzer: Wenn man nicht über sich selbst lachen kann, erledigen das halt die anderen.

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