Kurzgeschichte: Unerhört

Ausgerechnet an einer richtig spannenden Stelle begann mein MP3-Player das Hörbuch in ein akustisches Puzzle umzumontieren.
„Bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa…- das Flugzeug inzwischen pro Stunde… – hatte sich das Flugzeug… – von einem undichten Tank… – schon ein ordentliches Stück… – war und machte sich auf die Reise… – ein Brocken Eis hatte… – den leuchtenden Punkt… – nicht nur 950 Kilometern pro Stunde… – hatte sich… – bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa 950 Kilometern… – der an die… – löste sich… – den leuchtenden Punkt nicht nur aus den Augen… – entfernt und der unbekannte Passagier… – der an die Bordtoiletten angeschlossen… – pro Stunde… – hatte sich das Flugzeug… – verloren, sondern auch schon längst wieder vergessen… – inzwischen… – Bordtoiletten angeschlossen war… – und entfernt… – schon ein ordentliches Stück… – aus den Augen verloren, sondern auch schon längst wieder vergessen… – hatte… – ein Brocken Eis löste sich von einem undichten Tank… – und der unbekannte Passagier… – machte sich auf die Reise.“
Entnervt nahm ich die Kopfhörer ab.
„Na endlich.“
Ich sah mich um. Bis auf den Busfahrer war da niemand – und der klang anders, wie ich wusste. Immerhin hatte ich oft genug gehört, wie der die Schulkinder zur Ordnung rief.
„Absaute!“ sagte die Stimme.
Das habe ich gedacht – aber doch nicht gesagt, oder?
„Musste aber mal gesagt werden.“
Da bewegte sich kein Mund, niemand sprach, aber es war dennoch etwas zu hören. Das kannte ich aus dem Theater. Bauchredner machten so was. Bauchredner… die nannten sich selbst…
„Ventriloquisten“ half die Stimme aus.
Danke, aber ich wäre bestimmt gleich selbst drauf gekommen.
„Mag sein, aber ich schlage vor, dass Sie sich Ihren Teil einfach denken, der Busfahrer guckt schon. Es wirkt schon etwas ungewöhnlich, wenn Sie hier drauflos reden und weder ein Handy in der Hand noch wenigstens einen Headset am Ohr haben.“
Ich überlegte kurz, welche Zeichen der Verwirrung und Bestürzung ich von mir geben konnte, ohne den Busfahrer zu irritieren und vielleicht sogar zu unkontrollierten, gefährlichen Fahrmanövern zu veranlassen, denn immerhin hörte ich gerade die Stimme des Hörbuchsprechers…. die sich mit mir unterhielt! Und nicht nur das. Der Kerl…
„Aber ich darf doch bitten. Kerl! Bei aller verständlichen Erregung, aber das muss doch nicht sein!“
Gut. Entschuldigung.
Gott, wie blöd. Jetzt musste ich meine Lippen aufeinanderpressen um meine Gedanken nicht hinauszuposaunen. Hoffentlich würde ich je wieder denken können, ohne die Lippen zu bewegen.
„Stimmt, wäre wirklich blöd.“
Nun hören Sie doch mal auf. Sie sind doch an allem schuld. Wer redet denn da mit mir und liest meine Gedanken? Das ist doch verrückt.
„Sagen Sie das auf keinen Fall laut. Erzählen Sie besser niemandem von uns beiden. Immerhin hören Sie Stimmen.“
Ich werde verrückt. Ich höre Stimmen.
„Nun machen Sie sich mal keine Sorgen. Das ist ganz einfach zu erklären. Aus all dem Text, der in so einem Hörbuch ist, kann praktisch jedes Wort der deutschen Sprache generiert werden und durch einen Zufallsgenerator wird dann beliebiger Text erzeugt, den Sie natürlich auf sich münzen. Das ist auch schon alles.“
Und das soll stimmen?
„Nein, aber ich dachte, es würde Sie etwas beruhigen.“
Sie beruhigen mich nicht, Sie regen mich auf, Sie…
„Sagen wir doch Du zu einander. Ich heiße übrigens Christian.“
„Ich weiß, wie Sie heißen, Herr Brückner. Und ich will nicht mit Ihnen reden. Und jetzt sage… denke ich etwas, dass ich niemals von mir erwartet hätte: Ich will Sie nicht mehr hören, Herr Brückner!“
Der Bus geriet etwas ins Schlingern, vielleicht war ich doch wieder laut geworden. Ich lauschte in mich hinein, aber da war nichts mehr.
Seit diesem Tag funktionieren die meisten meiner Hörbücher nicht mehr.

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2 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Unerhört

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