Expedition

Das lehmigbraune Wasser unter ihrem Kanu schien stillzustehen, so träge wälzte sich der große Strom dahin. An beiden Ufern des Flusses erhoben sich mächtige Bäume, Urwaldriesen, die ihre grünen Arme ins Wasser tauchten. Die feuchte, drückende Hitze ließ das Atmen schwer werden. Schweiß und die sich sammelnde Nässe mischten sich und binnen kurzem hatte niemand mehr etwas Trockenes am Leibe.

Nur langsam näherten sie sich ihrem Ziel. Zeitlupenhaft wirkten die Bewegungen des Indioführers, der das Boot steuerte und manchmal mit bedenklich gerunzelter Stirn zum Ufer hin blickte. Monoton und doch bedrohlich tönten dumpfe Trommeln, begleiteten den Weg der Männer, ließen sie wissen, dass sie nicht aus den Augen gelassen wurden. Hinter der undurchdringlichen grünen Wand, irgendwo dort im Dschungel, jedem Blick entzogen folgte man ihnen, beobachtete sie, gab die Nachricht von ihrem Erscheinen weiter von Stamm zu Stamm. Längst befanden sie sich weit hinter den letzten Außenposten der Zivilisation. Wer kann sagen, ob je zuvor ein Europäer bis hier her vorgedrungen war, zurückgekehrt war jedenfalls nie jemand, der es versucht hatte.

Nach Stunden mühevoller und gefahrenreicher Reise schien es ihnen, als nähme das Trommeln an Heftigkeit zu. Und richtig, es tönte lauter und lauter, schwoll zum Orkan an… ein Dorf musste hinter der nächsten Biegung des Flusses versteckt liegen. Ob die Eingeborenen wohl je zuvor einen Fremden erblickt haben mochten? Wer sollte sich in diese Wildnis verirren, die nichts als Kopfjäger, Giftschlangen und die Malaria als Gastgeschenke bereit hielt?

Endlich war es so weit. Vom Boot aus öffnete sich der Blick auf das Pfahldorf. Nackte braune Kinder spielten im knietiefen Wasser. Schweine wühlten Schlamm auf. Auf einem Steg versammelte sich anscheinend die gesamte erwachsene Bevölkerung des Dorfes, um die Ankömmlinge neugierig anzustarren. Und da, auf den grasbedeckten Dächern, überall, auf jedem Dach blinkten sie in der Sonne – Antennen! Die Strapazen hatten sich gelohnt, die Jungs von der Gebühreneinzugszentrale der Rundfunkanstalten hatten wieder einmal den richtigen Riecher gehabt.

 

Kleine Anmerkung: Dieser Text ist schon etwas älter – die Antennen und die GEZ sind für meine Generation noch selbstverständlich – aber sie sind ebenso ausgestorben wie der Fernschreiber, das tragbare Tonbandgerät oder die DDR.

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