Ausgeträumt

Ich erwachte von einem Schrei. Meinem eigenen, fürchte ich. Es blieb nur die Frage, ob ich den Schrei geträumt oder ausgestoßen haben mochte. Da ich bekannt dafür bin, meist mit dem linken Fuß aufzustehen, blieb ich noch etwas liegen, horchte ich in mich hinein und kam einem grässlichen Albtraum auf die Schliche.

Ein rauschebärtiger Greis mit schlohweißen Haaren tanzte wie ein Derwisch um mich herum und quickte mit einer seinem hohen Alter unwürdigen Kastratenstimme:
„So, ein Linker bist Du? Was ist denn das? Was ist denn ein Linker? Häh? Sag schon!!“
Und ich verschränkte souverän (abwehrend) die Arme, versuchte mich wie immer bei solchen Gesprächen am Tresen abzustützen und geriet kurzfristig ins Schlingern. Aber das sollte erst der Anfang sein.
Während ich mir eine Zigarette anzündete, um meine Argumente zu ordnen, heulte der Alte mir weiterhin die Ohren voll:
„Marx ist die Theorie und Murks ist die Praxis. Linker!! Hä! Was ist das denn?“
In meinen eigenen Träumen bin ich nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, ich holte also tief Luft und – atmete erst einmal aus, doch der Alte hüpfte wie aufgezogen weiter, kein Wunder, wenn man geträumt ist, kann man unbeschränkt springen und krakeelen, ohne das einem die Puste ausgeht. Es half also nichts und so sprach ich.
„Die Linke waren einst die vom Präsidenten aus gesehen auf der linken Seite des Parlaments sitzenden Abgeordneten. Links vom Zentrum saßen in den deutschen Reichstagen die Liberalen, links von diesen die Sozialdemokraten, seit 1924 bildeten die Kommunisten die äußerste Linke.“
Das war sehr informativ. Stand auch so im Lexikon. Vermutlich schlafwandelte ich nachts, um solche Fragen genau abklären zu können. Allerdings wollte in mir nicht das Gefühl aufkommen, es dem Alten so richtig gegeben zu haben.
Ich legte nach, zumal er sich noch immer wie ein degenerierter Gummiball benahm und ich ihm seine Fragen schon von den Lippen ablesen konnte.
„Die Linke ist seit der Zeit der französischen Revolution auf der Seite der Unterdrückten und Ausgebeuteten, für die radikale Veränderung der Gesellschaft, gegen die Herrschaft weniger, für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden. Die Linke, das ist der Geist der Aufklärung.“
„Die Linke ist der Gulag, die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in den zwanziger Jahren in der UdSSR, Stalin, die chinesische Kulturrevolution, die RAF, die DDR Honeckers, von der die deutsche Linke nie ganz lassen mochte. Die Linke ist der KBW, die KPD/ML, die DKP, PDS und ihr langweilig biederer Nachfolger „Die Linke“. Die Linke ist staatlicher und individueller Terror, dumpfe Vereinsmeierei und der Traum von einer neuen unfehlbaren Kirche.“
Verdammt, das hatte ich dem Alten nicht zugetraut. Er haute mir alle Klischees um die Ohren, die mir einfielen, aber es geschah mir ja nur recht. Schließlich hatte ich versucht, ihn billig abzuspeisen, statt, wie es sich gehört, das Alter zu ehren. Während er also weiter vor mir auf und ab federte, entgegnete ich ihm so gelassen wie möglich:
„Links ist, wo der Daumen rechts ist.“

Ein Donnerschlag unterbrach kurzfristig alle laufenden Programme, und ich fand mich unvermutet unter den Zuschauern einer Freilichtbühne wieder. Das Publikum tobte vor Begeisterung, während mir ehrlich gesagt die Handlung etwas wirr erschien. Rothäutige Stahlwerksarbeiter, eine Feder am Helm und mit keinen anderen Waffen als Hämmern und Sicheln, verschanzten sich in einer Mercedes-Benz-Wagenburg, umzingelt von weiß gekleideten Millionären, die von ihren Polopferden aus Smartphones, Riester-Verträge und Flugtickets in die Wagenburg schleuderten, die sofort Feuer fing. Die Situation schien verzweifelt, doch aus der Ferne sprengte die Kavallerie heran und schon schmetterte der Trompeter zum Angriff die Internationale.

Neben mir stand plötzlich ein Reporter und hielt mir ein Mikrophon unter die Nase. Er kam mir bekannt vor, ich verfügte aber über keine konkrete Erinnerung. Merkwürdig fand ich nur, dass ein so alter Mann noch für das Radio arbeitete. Mit seltsam hoher Stimme fragte er mich, wie mir die diesjährigen Karl-Marx-Festspiele der Freilichtbühne Trier gefielen. Ich sagte etwas belanglos höfliches, an das ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. Mit tückischem Lächeln stellte der Mediengreis seine nächste Frage:
„Wo sehen Sie den wesentlichen Unterschied zwischen Karl May und Karl Marx?“
Wie aus der Pistole geschossen kam meine Antwort:
„Bei Karl Marx sind die Roten die Guten.“

Es schneite, dann lief ein Riss durch das Bild, ein Seil wurde hinübergeworfen und Marx und Moritz hangelten sich daran zur anderen Seite.

„Bitte bleiben Sie am Gerät, die Störung wird augenblicklich behoben.“°

Nur das nicht, nahm dieser Wahnsinn denn kein Ende? Der ausgeflippte Weihnachtsmann umsprang mich wieder wie ein junger Hund die Fleischwurst.
„Was ist ein Linker?“ piepte es in meinen Ohren, ich spürte nur noch Wut, Zorn, sah Rot, wie man so schön sagt und schlug zu, mit links natürlich, ein linker Haken, erwischte ihn voll und haute ihn glatt aus dem Bild.
Ruhe.
Minutenlang.
Schlaf, nur Schlaf.
Dann wieder der Alte, das blaue Auge entstellte sein würdiges Patriarchengesicht. Nur sekundenlang steppte er durch meinen Traum, spuckte aus und zischte:
„Linke Sau!“

Ich fiel in ein schwarzes Loch, stürzte in eine bodenlose Tiefe und sah dann doch das Licht am Ende des Tunnels, hörte Stimmengemurmel, nein, Getöse, Gebrüll und Geschrei, stand inmitten einer erregten Menge. Hunderttausende, bewaffnet und unbewaffnet, Arbeiter und Uniformierte, die ihre Rangabzeichen von den kaiserlichen Uniformen abgerissen hatten, ein Meer von roten Fahnen und da – das Gebäude vor mir war doch der Reichstag!
Ich starrte auf die Zeitung, die dem Mann vor mir aus der Tasche ragte: 9. November 1918. Ich stöpselte meinen Kopfhörer ein und nutzte die Radiofunktion meines Handys. Niemand nahm Notiz von diesem Anachronismus.

Da – ein Fenster des Reichstags öffnete sich und Phillip Scheidemann trat heraus, sprach zu den Massen, auch aus dem Lautsprecher meines Radios hörte ich seine Worte:
„Es lebe die deutsche Republik.“ Dann ertönte Musik aus dem Radio, eine Frauenstimme:
„Im Rahmen unserer Konferenzschaltung geben wir jetzt ab an das kaiserliche Schloss.“
Eine erregte Männerstimme übertönte nur mühsam die jubelnden Volksmassen.
„Ja – ich melde mich hier aus dem besetzten kaiserlichen Schloss. Die Revolutionäre feiern ihren Sieg. Daheim an Ihren Empfängern vernehmen Sie nur einen schwachen Abklatsch des Siegestaumels, vor wenigen Minuten hat der USPD-Mann Karl Liebknecht die freie sozialistische Republik Deutschland proklamiert.“
Eins zu eins: die doppelte Republik, die der staatstragenden Sozialdemokratie und die der sozialistischen Linken. Nach dem nächsten großen Krieg sollten wir die Prophezeiung verstehen, die in diesem seltsamen Geschehen lag: das doppelte Deutschland.

Ein seltsamer Traum. Noch nach drei Brötchen und zwei Bechern Kaffee, die in sparsameren Zeiten als Nachttöpfe hätten herhalten können, schüttelte es mich. Zum Glück gab es noch das Handlexikon zur Politikwissenschaft. Dort fand ich Trost:

„Der Begriff Links hat politisch keinen festen Gehalt, sondern bezeichnet eine Tendenz oder Position, die immer nur von ihrem Bezugspunkt oder Bezugssystem her definiert werden kann. Semantisch enthält der Begriff (ähnlich wie Schwarz) in westlichen Kulturen negative Konnotationen, da sprachlich von altersher Rechts die bevorzugte richtige Seite bezeichnet hat, wogegen Links – am deutlichsten im romanischen sinister mit dem Dunkeln und Unheilvollen gleichgesetzt wird.“

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