Schreibaufgabe

Hanna Mandrello hat unter http://mandrello.wordpress.com/
eine Schreibaufgabe gestellt, zu der ich einen Text – einen Kurzkrimi – verfasst und auch auf ihrer Seite veröffentlicht habe. Für alle, denen das nicht reicht, stelle ich den Text auch hier noch einmal vor. Allerdings hat er soeben einen neuen Titel bekommen:

Schnüffler

„Nach Ihrer Frau ist Ihnen jetzt also auch noch Ihre Haushaltshilfe abhanden gekommen.“
Staatsanwalt Walgenburg hatte Heimleins Büro gerade erst betreten, da wollte er am liebsten schon wieder gehen, aber er brauchte Heimlein. Dieses eine Mal noch. Keine Ahnung, woher Heimlein seine Informationen bezog, aber Walgenburg nahm sich zusammen. Christiane Alsmann, die direkt hinter dem Staatsanwalt stand, hätte den Aktenstapel fast fallen lassen, so sehr schockierte sie Heimleins Bemerkung. Hastig schob sie sich an Walgenburg vorbei und legte die Akten auf dem freien Schreibtisch ab.
„Die Einbruchserie. Kaldenhofer hat sich krank gemeldet, Sie müssen übernehmen, Heimlein.“
„Offenbar hat er von seiner Krankheit gerade erst erfahren, so wütend, wie er da unten über den Parkplatz stapft.“
„Das geht Sie gar nichts an. Wer hier krank ist, bestimme immer noch ich.“ fauchte Walgenburg. „Der Oberbürgermeister hat mich angerufen. Jetzt haben die Einbrecher ihn auch heimgesucht. Wir brauchen Resultate. Wie sieht denn das aus, die ganze Elite der Stadt wird nach und nach ausgeplündert – und die Polizei sieht tatenlos zu.“
„Nicht tatenlos, nur erfolglos.“ korrigierte ihn Heimlein.
Walgenburgers Mundwinkel zuckten, als er sich wieder der Tür zuwandte, bemüht, die Beherrschung nicht zu verlieren.
„Morgen will ich einen Bericht von Ihnen, Heimlein.“ und leise, so leise, dass nur Christiane Alsmann ihn hören konnte, fügte er hinzu: „Mal sehen, ob du diesen Fall auch durch Handauflegen und Hellsehen löst, Klugscheißer.“

„Die Akten…“ deutete die Alsmann auf den Stapel Ordner.
„Gut, dass Sie mir das sagen, ich wäre sonst nicht drauf gekommen.“
„Sind Sie eigentlich immer so… so garstig?“ brach es aus ihr heraus.
Heimlein grinste ein bisschen, nur ein bisschen, aber sie hatte es bemerkt.
„Ich habe hier einen Ruf zu verteidigen. Geniales Arschloch halt.“
„Das mit dem Arschloch hat man mir schon erzählt. Den Rest… wie konnten Sie übrigens wissen, dass die Perle vom Chef gekündigt hat?“
Heimlein zog eine Schublade aus seinem Schreibtisch und legte die Füße darauf.
„Er trägt keinen Ehering mehr – dafür aber zwei verschiedenfarbige Socken. Nur ein kleiner Farbunterschied, Männer sehen sowas oft nicht.“
Alsmann lächelte. „Sie schon.“
„Dafür kann ich nichts. Das ist ein genetischer Defekt. Können wir jetzt bitte weitermachen.“
Alsmann hatte mit Kaldenhofer an dem Fall gearbeitet, war also auf dem Laufenden. Ein halbes Jahr ermittelte die Kripo nun schon gegen Unbekannt. Zeugenaussagen häuften sich, doch die Einbruchswelle ging weiter, keine von Kaldenhofers Theorien hatte die Ermittlungen auch nur einen Schritt weitergebracht.
„Was wissen wir?“
„Fast zwei Dutzend Einbrüche, der oder die Täter sind nie beobachtet worden. Gestohlen wurde immer nur Bargeld, auch dann, wenn wertvoller Schmuck oder Kunstgegenstände vor Ort waren.“
„Offenbar scheut da jemand das Risiko, einen Hehler einzuschalten oder mit Diebesgut angetroffen zu werden. Wie hoch waren denn die Schäden?“
„Das wissen wir ehrlich gesagt nicht so genau. Gemeldet wurden mal sehr niedrige, mal sehr hohe Beträge und wir trauen keiner dieser Meldungen.“
„Weil die Bestohlenen im Gegenzug ihre Versicherung betrügen wollen….“
„Oder Schwarzgeld aufbewahrten, das sie jetzt nicht bei der Polizei angeben wollen. Aber es geht ganz sicher um einen fünf- bis sechsstelligen Betrag.“
Heimlein legte die linke Hand über seine Augen, ehe er sprach.
„Ich brauche eine Liste mit den Adressen der Opfer und dazu die Zeiten der Einbrüche, einen Stadtplan, auf dem die Tatorte markiert sind…“
„Und die Liste der üblichen Verdächtigen, nehme ich an.“ ergänzte Alsmann und schob ihm die gewünschten Unterlagen zu.
„Ich dachte mir schon, dass Sie damit anfangen wollen. Ich habe das schon für Kaldenhofer gemacht.“
„Danke, ich werde mir das mal anschauen. Und dann machen Sie bitte Termine bei den Opfern. Heute Nachmittag.“
„Bei allen? Ist das denn notwendig? Die Spurensicherung war schon überall und Kaldenhofer hat sich jeden Tatort angesehen.“
„Eben. Kaldenhofer. Fangen Sie mit dem neuesten Fall an und dann bis zum ersten Fall zurück. Okay?“

„Der Oberbürgermeister war nicht sehr begeistert, dass wir ihn noch mal aufsuchen wollen.“
„Frau Alsmann, wenn Sie Ihre Arbeit abhängig vom Grad der Begeisterung der Betroffenen machen wollen, sollten Sie zum Fernsehen gehen. Und ja, ich weiß, dass ich garstig bin.“
Sie parkten auf einem Behindertenparkplatz vor der Villa, Heimlein nahm die CD aus dem Laufwerk. Alsmann war erleichtert, Klassik vor dem Feierabend war nicht ihr Ding.
„Wie ist der Täter reingekommen?“
„Die übliche Masche. Lernt man heute bei Youtube. Nichts besonderes, kein Modus Operandi, der auf irgendwen hinweisen könnte.“
„Alarmanlage?“
„War bestellt, soll morgen geliefert werden.“
„Passt doch.“
„Das sieht der OB anders.“
Heimlein hatte Glück. Die Frau des Oberbürgermeisters hatte darauf bestanden, die Nacht im Hotel zu verbringen, sie wollte nicht in eine Wohnung zurück kehren, die ein Fremder durchwühlt hatte. Der Oberbürgermeister empfing sie vor der Tür, ließ sie aber allein, als sie durchs Haus gingen. Heimlein nahm die Tatortfotos aus der Tasche und verglich sie mit dem Bild, das sich ihm bot. Offenbar war inzwischen nichts verändert worden. Er stellte sich in die Mitte des Wohnzimmers, atmete tief ein und betrachtete von dort aus den ganzen Raum, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Details.
„Wo befand sich das Geld?“
Christane Alsmann wies auf einen antiken Sekretär. „Der hat ein Geheimfach.“
Heimlein öffnete den Sekretär und tastete die Rückwand der Schublade ab, die ihm Alsmann gezeigt hatte. Erst nachdem sie ihren Finger auf die Einkerbung gelegt hatte, entdeckte auch er den Druckpunkt, mit dem sich die Rückwand öffnen ließ und das Geheimfach freigab. Es war leer, nur 60 Cent lagen in einer Ecke.
„Hat er von dem Fach gewusst?“ meinte sie.
„Nicht unbedingt, es ist nicht gerade selten, dass solche Schränke ein Geheimfach haben. Aber das er es öffnen konnte…“
„Fingerfertigkeit… bei Einbrechern auch nicht gerade selten!“ stellte die Alsmann fest.
Ein daneben stehendes Plattenregal war allerdings umgeworfen worden. War das der gleiche Täter? Warum diese offensichtliche Zerstörungswut? Heimlein schaute sich die Platten an. David Oistrach, Yehudi Menuhin… Musiker, klassische Musik, Geiger.
Heimlein nahm einen Stapel Papiere in die Hand, blätterte sie durch, suchte, wusste nicht was und fand nichts.
„Hat Kaldenhofer auch schon gemacht.“
„Kaldenhofer…“
„Die Bestohlenen…“ begann Alsmann.
„Weisen keine Gemeinsamkeiten auf, mal davon abgesehen, dass sie alle recht wohlhabend sind. Aber selbst dabei unterscheiden sie sich gravierend.“ ergänzte Heimlein.
„Es gibt keine gemeinsamen Feinde, keine gemeinsame Vergangenheit, Zugehörigkeit zu einer obskuren Organisation…“
„Wie, die sind nicht alle in der CDU?…. Ja, ich weiß schon, ich war wieder garstig.“
Als sie an der Tür der dritten Wohnung klingelten, die auf Alsmanns Liste stand, fragte sich Heimlein langsam, ob sie die Liste bis zum bitteren Ende würden abarbeiten müssen, um der Lösung des Falles näher zu kommen. Die Frau, die ihnen öffnete, blieb auch dann noch auf Distanz, als sie sich ausgewiesen hatten.
„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Abstand halte, aber ich bin noch nicht ganz wieder auf dem Damm – und da muss ich mich ein wenig in Acht nehmen.“
„Sicher.“ War es die Höflichkeit, die Heimlein dazu veranlasste, noch einmal nachzufragen?
„Eine allergische Reaktion. Aber eine ziemlich seltene Allergie, ich weiß nicht, wie ich in Kontakt mit dem Zeug gekommen bin.“
Heimlein schaltete sofort. „Wann ist die Reaktion denn eingetreten?“
Die Frau stutzte kurz, rechnete offenbar nach. „Kurz vor oder nach dem Einbruch, würde ich sagen.“
„Geht das etwas genauer?“ Heimlein zögerte und fügte dann noch ein „Bitte“ hinzu.
Die Frau ging zu einem Schreibtisch hinüber, blätterte und fand ein Rezept. „Nach dem Einbruch…. Denken Sie…?“
„Was für eine Allergie ist das denn?“ schaltete sich Alsmann ein.
„Lärchenharzextrakt.“ Die Frau lächelte schwach. „Viel besser als eine Getreideunverträglichkeit oder ein Heuschnupfen. Aber trotzdem heftig, wenn es mich erwischt.“
„Lärchenharzextrakt? Wie kommen Sie denn damit in Kontakt?“
„Meine Borreliose ist naturheilkundlich mit Lärchenharzextrakt behandelt worden, ganz übliches Verfahren, nur habe ich allergisch reagiert. Und eine weitere Allergie habe ich nicht, naja, kenne ich zumindest nicht.“
„Lärchenharzextrakt…. das sagt mir doch etwas. Übrigens: Können Sie das Waldschlösschen empfehlen? Ich möchte meine Kollegin gern zum Essen einladen, wenn wir den Fall gelöst haben.“
„Das Waldschlösschen?“ Der plötzliche Themenwechsel schien die Frau zu verwirren. „Ja, schon, es ist etwas teuer und Sie sollten reservieren, aber sonst… doch, die sind schon gut.“
„Dann bedanken wir uns. Sie haben uns sehr geholfen.“ Heimlein wollte schon gehen, da rief ihn die Frau noch einmal zurück.

„Da war noch was komisch, daran erinnere ich mich jetzt erst. In der aufgebrochenen Kassette lagen noch 40 Cent.“

„Wieso ist das komisch?“ wollte Heimlein wissen.

„Weil da nie Münzen drin waren.“

Kaum im Auto, ordnete Heimlein eine Richtungsänderung an. Zurück zum Bürgermeister, den er mit dem Handy erreichte und auf ihren erneuten Besuch vorbereitete. Noch einmal ging es ins Wohnzimmer. Wieder stellte Heimlein sich in die Raummitte und atmete tief ein, dann schnuppernd ein weiteres Mal.
„Wusste ich es doch… Riechen Sie das auch? Terpentin!“
„Möglich…“ Alsmann sog die Luft prüfend ein. „Ja…. doch. Aber nur ganz leicht. Man muss schon wissen, was man hier erwartet.“
Dann wandte er sich dem Oberbürgermeister zu, der neugierig im Flur stehen geblieben war. „Ihre Plattensammlung… da haben Sie ja ein paar prächtige Violinkonzerte.“
„Ich? Nein, die sind von meiner Frau, ich habs nicht so mit den Streichern. Da muss ich immer an meinen Kämmerer denken. Und den Stehgeiger aus dem Waldschlösschen. Eine Nervensäge, starrt einem das Essen vom Teller und ein Loch in die Brieftasche. Aber von mir hat der noch keinen Euro gesehen, der Schwarzarbeiter. Zahlt doch bestimmt keine Steuern auf sein Trinkgeld…“
Einen Oberbürgermeister ließ man nicht ungestraft ins Reden kommen, das hatte Heimlein gerade kapiert, also schaute er, kaum holte der Mann einmal Luft, Alsmann an.
„Wir – das heißt Sie – rufen jetzt noch mal alle Bestohlenen an – bis auf den Herrn Oberbürgermeister natürlich – und fragen sie nach dem Musikprogramm im Waldschlösschen und was es ihnen wert war.“
Alsmann blickte irritiert zwischen dem Oberbürgermeister und Heimlein hin und her.
„Der Kämmerer, ein Stehgeiger und privates Kultursponsoring? Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Kaldenhofer….“
„Wäre es genau so ergangen. Und wir sehen uns nachher im Waldschlösschen, ist Ihnen 20:00 Uhr recht?“
„Schon, soll ich reservieren?“
„Das wird nicht nötig sein.“
Alsmann fühlte sich etwas overdressed, als sich Heimlein mit dem Dienstausweis Zugang zum Waldschlösschen verschaffte.
„Wir haben telefoniert. Haben Sie die Personalpläne für mich?“
Während Alsmann verunsichert in der Speisekarte blätterte, überflog Heimlein den Personaleinsatz der vergangenen Monate, verglich die Daten mit der Liste, die ihm Alsmann gebracht hatte und nickte dann. „Passt. Zu Einbrüchen ist es immer nur dann gekommen, wenn unser Mann keinen Dienst hatte. Übrigens, haben Sie schon gewählt?“
Als das Menü serviert war, trat ein Geiger an ihren Tisch. Klassik nach Feierabend, das stellte Alsmann gerade fest, war auch nicht ihr Ding. Heimlein hingegen schien die Musik zu genießen. Er legte sein Besteck zur Seite und hörte mit in den Nacken gelegtem Kopf zu. Nein, das stimmte nicht. Er hörte nicht zu. Er schnüffelte, wie Alsmann feststellte. Dann roch sie es auch. Terpentin.

Kolophonium, wie Heimlein ihr nach der Festnahme erklärte. Geiger trugen es auf die Saiten ihres Instrumentes auf, um den Klang zu verbessern, staubte immer etwas. Es wurde aus Lärchenharz hergestellt und verströmte einen charakteristischen Terpentingeruch. Als klar war, dass alle Bestohlenen im Waldschlösschen zu Gast gewesen waren – das hatte Heimlein anhand der Rechnungen und Kontoauszüge gesehen – musste nur noch der Musiker gefunden werden.

Übrigens musste die Alsmann zahlen.

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