Voll fett

Stefan hatte sehr geheimnisvoll getan, als er mich einlud. Vermutlich hatte er mal wieder die Richtige gefunden. Mir sollte es recht sein. Mein Zug hielt planmäßig, ich stieg aus und sah mich um. Stefan, der mich abholen wollte, hatte sich offensichtlich verspätet. Möglicherweise hatte er mich zu benachrichtigen versucht, aber wie langweilig wäre unser Leben mit der modernen Technik, wenn auch noch der Akku halten würde? Vermutlich hatte er einfach nicht daran gedacht, dass Züge auch noch pünktlich sein konnten, schließlich war man ja schon dankbar, wenn sie überhaupt fuhren. Mir blieb also noch Zeit, um schnell etwas zu essen.

Bahnhofsviertel haben überall ihren eigenen Charme. „Abfütterei“ verkündete die flackernde Leuchtreklame an der Ecke eines vierstöckigen Baus. Das Fastfood-Restaurant, wie die Imbissbuden heutzutage heißen, in zentraler Lage – die vorbeidonnernden LKW ließen die Scheiben zittern – bot auch zwischen fünfzehn und vor achtzehn Uhr seine Dienste an, die feinere Konkurrenz zählte wohl die Beute und gönnte sich ein Nickerchen. Also blieb mir keine Wahl.

Von außen wirkte der Laden ja auch nur ein wenig deprimierend. Hinter der beschlagenen Schaufensterscheibe drehten sich triefende Hähnchen an langen Spießen. Ein welliges Plastikschild, dessen Farben von der Sonne längst ausgeblichen worden waren, pries fahlgelbe Zigeunerschnitzel an. Ein toter Käfer streckte viele Beine in die Luft. Aber Geflügel mochte ich ja sowieso nicht.
Das Öffnen der Tür setzte eine Wolke ranzig-warmen Miefs frei. Aber drinnen gab‘s ja noch genug davon. Vor einer angestaubten halbhohen Glastheke, die nur stellenweise den Blick auf fingerdick panierte Koteletts, angetrockneten Kartoffelsalat und blässliche Würstchen im Kunstdarm freigab, standen drei Hocker, von denen zwei besetzt waren.

Rasch überprüfte ich, ob Dittsche oder Schildkröte möglicherweise zu den Gästen zählten, aber das hier war Realität, hier hörte der Spaß auf. Hinter der Theke kaute eine lethargische Bedienung gedankenverloren an den brüchigen Nägeln ihrer geröteten rechten Hand.

Ratlos studierte ich die Karte, die an der Rückwand des Raums von der Decke hing, doch auch wiederholtes Lesen half nicht, bis ich bemerkte, dass ich die Liste der Zusatz- und Konservierungsstoffe las. Eigentlich wollte ich nichts davon essen. Dennoch versuchte ich eine Bestellung.
„Ich würde gern etwas essen…“ war natürlich kein sehr origineller Ansatz.
„Lieber Essen auf Rädern als Bochum zu Fuß!“ meldete sich ein Gast von der Theke, der bisher jeweils winzige Happen einer beängstigend großen Frikadelle mit viel Senf und noch mehr Bier herunter gespült hatte. Die Diensthabende drehte – ohne mich eines Blickes zu würdigen – den Kopf in meine Richtung, um dann sorgenvoll ein bläuliches Ekzem in einer ihrer Handflächen zu betrachten.
„Hähnchenschenkel sind heute im Angebot!“ murrte sie.
„Ober- oder Unterschenkel?“ mischte sich erneut der Witzbold ein.
„Pommes rot-weiß, bitte!“ Meine Bestellung klang vielleicht eher wie eine Frage. Kummer gewöhnt fragte die Bedienung nach („Häh?) und zwang mich so, mich nochmals öffentlich zu meiner Wahl zu bekennen. Dann also los. Sie tauchte die Hand – nein, nicht die mit dem Ausschlag, sondern die mit dem gelbfleckigen Pflaster über dem Zeigefinger – in einen Pappkarton und warf die weißlich glitschigen Kartoffelmusstifte in siedendes Fett. Andere Gäste kamen und wurden bedient. Frikadelle spezial. Im gleichen Fett. Ein halbes Hähnchen zum Mitnehmen. Im gleichen Fett. Ich glaub ja, dass das keine geschmacklichen Konsequenzen hat, aber ich hasse nun mal Brathühner.

Die Wartezeit hätte man für Studien (Studie in Öl…) nutzen können, leider war mir nicht nach empirischer Sozialforschung, sondern ich war hungrig, jedenfalls hatte ich Hunger gehabt, als ich hier rein kam. Es schien Stammgäste zu geben, obwohl die Art von Speisen, die hier gereicht wurden, es nahezu ausgeschlossen erscheinen ließ, dass jemand so häufig herkam, dass man ihn hätte wieder erkennen können.

Die Nahrungsmittelverabreichungstechnikerin oder wie auch immer die exakte Berufsbezeichnung lauten mag, nur Köchin bitte nicht, strich sich zum x-ten Mal Strähnen fettigen Haares aus dem Gesicht, wischte sich den Mund am Ärmel ab und griff zu einer Pappschachtel.
„Mitnehmen?“
„Nein, ich ess es gleich hier!“ Achselzuckend schaufelte sie die Fritten auf die Pappe, kleckste Mayonnaise und Ketchup darüber und wuchtete meine Mahlzeit auf die Theke. Ich zahlte, griff meine Portion und zog mich rasch in eine dunkle Ecke des Raumes zurück, um nicht gleich von jedem gesehen und womöglich noch angequatscht zu werden.

Einigermaßen rasch bemerkte ich, dass das nach der Wahl des Lokals und der Speisen der dritte Fehler in einer Reihe war. Mein Platz lag zwar ruhig und versteckt, doch in unmittelbarer Nähe der Toiletten, die man übrigens auch ohne Hinweisschilder gefunden hätte. Es ging nicht, hier konnte ich nicht essen.

Gerade als ich auch den letzten Bissen diskret in den Abfalleimer entsorgt hatte, kam Stefan rein, der nur kurz zwischen Pornokino, Spielhalle und An- und Verkauf von Waren aller Art geschwankt hatte, bevor er sich für die Abfütterei entschieden hatte.
„Du hast schon gegessen? Eigentlich wollten Helen und ich dich zum Essen einladen.“
„Ehrlich gesagt, ich habe auch immer noch einen Mordshunger…“
„Super…“ Er wandte sich der Bedienung zu. „Helen mein Schatz, noch mal das Gleiche für uns.“

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