Kurzgeschichte: Testpersonen

Kommen Sie mal her. Ja, Sie. Hinter Ihnen ist keiner. Also da Sie nun schon mal hier sind… wie wäre es denn, mal hinter die Kulissen zu schauen? Wechseln Sie doch einfach mal die Seiten… halt, nicht umblättern, so war das nicht gemeint. Schauen Sie sich die Geschichte doch mal aus meiner Perspektive an.

So, jetzt ganz langsam. Erschrecken Sie nicht, für mich sieht das immer so aus. Dieses große Gesicht, das uns viel zu nah kommt – genau, dass sind Sie. Aus der Perspektive sehen Sie sonst nur Ihr Zahnarzt und – richtig! – Ihr Spiegel. Aber bei denen rollen Sie nicht immer so mit den Augen. Zeile für Zeile, von oben nach unten. Aber gut, ich hab mich dran gewöhnt, dass Sie mir bei der Arbeit zugucken, dafür macht man’s ja schließlich.

Nur etwas mehr Aufmerksamkeit dürfte es dann doch sein. Da hab ich an einer Formulierung herum gewerkelt, mir fast einen Mausarm geholt – und dann lesen Sie einfach so drüber weg. Wir sind hier ja leider nicht beim Zirkus, sonst käme erst der Tusch, dann spränge ich übers Stöckchen und Sie könnten begeistert klatschen. Gut, zugegeben, sähe blöd aus, so ganz für sich allein zu jubeln.

Wie wär’s denn, wenn grad mal keiner zuguckt?

Andrerseits, es wär schon ganz schön, wenn Sie mich nicht überall mit hin schleppen würden, nur um den roten Faden nicht zu verlieren. Manchmal stinkt mir das schon!

Und dann, ich reiß mir gerade ein Bein aus, vergieße literweise Tinte und Herzblut – und Sie? Sie gähnen mich an, Klappe zu. Haben Sie sich schon mal gefragt, was ich dann mit dem angebrochenen Abend mache? Es ist angerichtet, aber keiner kommt!

Entschuldigung. Ich wollte nicht jammern. Soll ich Ihnen vielleicht ein paar Tricks vorführen? Macht man doch gern mal am Tag der offenen Tür. Magie… sozusagen – denn was sonst ist Kreativität! Wir Autoren erzählender Texte verfügen über eine schier unbegrenzte Macht. Haben Sie auch schon mal davon geträumt, schöpferisch im eigentlichen Sinne des Wortes tätig zu werden? Na los, probieren wir es doch einfach einmal aus.

Noch ist da gar nichts. Nicht mal Dunkelheit. Nun denke ich mir eine Person und schon ist sie da. Steht vor uns und verlangt nach mehr. So ist das mit den eigenen Geschöpfen. Sie wissen nicht, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Da es eine gewisse Tradition hat, zunächst ein männliches Wesen zu kreieren, verfüge ich also, dass mein Geschöpf ein Mann ist.

Lassen wir es zunächst dabei, keine Details, kein Name, keine unveränderlichen Kennzeichen. Sie wünschen einen Test: er soll das rechte Bein heben? Da – er hat sich bewegt, allerdings war es das linke Bein. Nein, doch nicht, da er sich uns zuwendet, befindet sich sein rechtes Bein natürlich links von uns. Hervorragend. Jetzt beide Hände hoch – klappt.

Er hat etwas Marionettenhaftes, finden Sie? Genau betrachtet ist er ja auch eine Marionette. Ich ziehe die Fäden und er muss gehorchen – zumindest solange, wie ich ihn nicht mit einem eigenen Willen ausstatte. Und das werde ich schön bleiben lassen, sonst beginnt er sogleich eine Diskussion über die Willensfreiheit und inwieweit sein freier Wille denn nichts anderes sei als mein Wille, von dem ich auch nicht zuverlässig sagen könne, ob es denn nun wirklich auch mein freier Wille sei und ob ich nicht vielleicht ähnlich wie er…

Sehen Sie, deshalb kriegt er keinen freien Willen. Andererseits ist es langweilig, ihn dort stehen zu lassen, wie eine Barbie-Puppe auf einem Podest, in langsamen Drehbewegungen jeweils auf Anweisung das ein oder andere Körperteil bewegend.

Nach guter alter Sitte stellen wir ihm eine Frau zur Seite und bevor ich den Satz auch nur zu Ende schreiben kann, ist sie auch schon da. Reflexartig dreht der Bursche sich zu ihr um und erstmals stellt sich die Frage, ob die beiden anständig bekleidet sind. Damit es nicht zu peinlichen Entgleisungen kommt, schließlich befinden sich eventuell Kinder unter den Lesern, sind sie, wie wir jetzt bemerken, unauffällig aber immerhin bekleidet. Noch haben wir keinen Laut vernommen, wiewohl das, da nun eine Frau anwesend ist, gewiss nicht mehr lange so bleiben wird. Okay, dieses Klischee musste ich einfach bedienen.

Er sieht sie an, na ja, er starrt sie an. Vielsagend offenbar, sie versteht ihn jedenfalls, haut ihm eine runter und verlässt die Szene durch eine Tür, von deren Existenz ich bis gerade auch nichts wusste. Das erste Geräusch dieser kleinen Welt ist also doch kein menschliches Wort, sondern das Knallen einer Tür, das, wie ich zugeben muss, etwas papieren klinkt.

Da steht er nun, reibt sich die Wange und blickt vorwurfsvoll – hoch? Wohin schaut man denn, wenn man sich an seinen Autor wenden will? Aber er meint ja nicht mich, er weiß nicht von mir. Es ist das Schicksal, mit dem er hadert, doch nicht lange. Ich hasse diese Situationen, mitten in einer Szene entwickeln meine Figuren eigene Pläne und Ambitionen. Schon strebt er der Tür zu und verlässt ebenfalls den Raum. Aus.

Doch so einfach kommt er mir doch nicht davon. Die Wand, die gerade noch wackelte, nachdem unsere Eva zur Tür hinaus gestürmt war, wird transparent und verschwindet schließlich ganz. Wir sehen ihn, wie er ihr nacheilt, sie einholt und… Er will sie doch nicht etwa schlagen? Seinen gekränkten Stolz rächen? Doch nein, er stellt sich ihr in den Weg und hält den Kopf schräg. Ah, ich verstehe, er bietet ihr die andere Wange und peng, damit hat er nicht gerechnet, fängt sich die zweite Ohrfeige. Selbst schuld, der Idiot.

Was macht sie denn? Geräusche! Sie lacht, erst leise, dann immer lauter. Er sieht ja auch zu blöd aus. Sie spricht mit ihm, hakt sich ein und geht einfach mit ihm los. Da, jetzt verschwinden sie um eine Ecke, sind endgültig aus meinem Einflussgebiet verschwunden.

Jetzt reicht es auch. Mir jedenfalls. Die Vorstellung ist vorbei. Und wenn Sie noch nicht genug haben: holen Sie sich doch einfach einen Stift. Platz ist noch da. Gleich hier:

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