Textprobe: Ausgehorcht

Die Wände sind in warmen Farben gehalten. Ich sehe den Park, die sich bunt färbenden Blätter der Bäume, das satte Grün des Rasens und die Häuser einer Stadt durch die mehrfachverglasten Fenster. Sie lassen sich nicht öffnen, das habe ich ausprobiert, aber das hat sicher damit zu tun, dass mein Zimmer im achten Stockwerk liegt.
Den Arzt kenne ich schon, auch die freundlichen Schwestern, die sehr behutsam mit mir umgehen. Ich kann und darf aufstehen, allerdings nicht das Zimmer verlassen. Essen und trinken soll ich, was immer ich mag, aber niemand spricht mit mir, und – was noch viel seltsamer ist – ich sage auch nichts, kein Wort. Ich denke schon, dass ich sprechen kann, aber es fehlt mir nicht. Es ist still hier. Ich glaube, das tut mir gut.

Was aus Marvin Seltin geworden ist, weiß ich nicht – das heißt, ich glaube, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Jedenfalls will ich nicht wissen, was aus ihm geworden ist.
Manchmal wache ich auf und habe von Marvin geträumt, wie wir uns kennenlernten, damals, als ich den Artikel über ihn schreiben sollte. Ich habe ihn in seinem Labor getroffen, im Science Center.

»Wissenschaftsjournalist?«, hatte Marvin gefragt. Da war er noch ein erfolgreicher Forscher, aber unbekannter Gründer, der gerade sein wissenschaftliches Know-how zu Geld machte. Ich kam ihm gerade recht. Publicity kam ihm gerade recht.
»Unser Institut ist nach dem ungarischen Akustiker Ference Dezibel benannt worden«, sagte er und wies auf das Schwarzweißfoto an der Wand, auf dem ein vollbärtiger Mann mit kahlem Schädel und Hakennase zu sehen war. Diesen Test bestand ich mit Bravour. Ich zog meinen Stift hervor und hob ihn an. »Übrigens, Dr. Seltin, nur falls Sie es nicht wussten, die Erfindung dieses Gerätes geht auf eine deutsche Chefsekretärin zurück, Frau Hildegard Kugel-Schreiber.«

Marvin lachte und das Eis zwischen uns war gebrochen. Diese Leichtigkeit, die spontane Sympathie, die wir für einander empfanden, wie war das nur möglich? Wie weit ist das entfernt!
»In Ihrer Arbeit geht es um Lärmschutz, soviel weiß ich.«
Marvin nickte, wir duzten uns übrigens nicht gleich, das ergab sich erst später.

»Lärm ist die Umweltverschmutzung unserer Zeit. Mal ganz abgesehen davon, dass er krank macht, wie oft ist Ihnen nicht schon eine gute Idee durch die Lappen gegangen, weil Sie sich nicht konzentrieren konnten, weil es keinen ruhigen Moment gab? Mir geht es ständig so. Das ist meine persönliche Motivation. Ich zeige Ihnen mal, woran wir arbeiten.«
Marvin war ein Getriebener, einer, der in seiner Arbeit aufging und für seine Arbeit lebte. Wenn er »wir« sagte, dann aus Bescheidenheit, denn er war es, der hinter der Idee stand. Er war es, der die Entwicklung vorantrieb. Sein Team rechnete nach, baute Modelle und hielt ihm den Rücken frei.
Auch wenn ich an den passenden Stellen – hoffentlich kluge – Fragen stellte und sorgfältig Notizen machte, ich verstand nicht allzu viel von dem, was Marvin mir zeigte. Das hat sich bis heute nicht sehr verändert.

Die Schwester kommt und bringt mir Medikamente. Zwei Pillen, die sich durch Farbe und Größe unterscheiden und von denen ich nicht weiß, wofür oder wogegen sie sind. Ich schlucke sie trotzdem brav. Gegen Schmerzen oder Wahnsinn, gegen Fieber oder für eine geregelte Verdauung.

Die Anfänge der Technik, mit der Marvin arbeitete, liegen im Jahre 1933. 1933 – das Jahr der Machtergreifung, vielleicht ein Omen? In jener Zeit kam der Physiker Paul Lueg auf die Idee, eine Schallwelle durch eine zweite aufzuheben. Hoher Druck wird durch niedrigen, niedriger Druck durch hohen ausgeglichen. Das Ergebnis ist Stille. Ganz einfach … in der Theorie. Lautsprecher, Mikrofone, Verstärker und Prozessoren, der technische Aufwand war lange Zeit viel zu hoch, um brauchbare Resultate zu erzielen – bis Marvin sich der Sache annahm. Natürlich kam ihm auch der technische Fortschritt zugute, besonders Computer und Miniaturisierung.
Marvins Ergebnisse waren eindrucksvoll, wie ich im Versuch erleben durfte. Wir begaben uns dazu in eine Halle, in der über Lautsprecherboxen das Klangbild einer belebten Hauptverkehrsstraße eingespielt wurde, suchten einen markierten Standpunkt auf und Marvin sagte etwas.
Ich verstand fast nichts, und er schrie: »Jetzt schalte ich den Antilärm ein.«
Ich nickte und wollte antworten, als es plötzlich still wurde. Nicht völlig still natürlich, aber im Vergleich zu vorher angenehm leise.

»Funktioniert das auch draußen? In der Wirklichkeit?«, fragte ich tief beeindruckt.
»Das wird es. Wir müssen natürlich noch ein paar Probleme lösen.« Er stieg in einen fachwissenschaftlichen Vortrag ein, den er selbst nach ein paar Minuten lachend wieder abbrach.
»Das war jetzt wohl etwas viel Theorie. Wissen Sie was, ich melde mich bei Ihnen, wenn wir in die Feldtests einsteigen. Sie können dabei sein und exklusiv darüber berichten.«
Ein Angebot, dass ich nicht ablehnen konnte – und nicht ablehnen wollte. Hätte ich denn ahnen können, wohin mich das führte?

Das Abendessen ist schon da. Die Schwester stellt lächelnd ein Tablett auf meinen Nachttisch und schließt die Vorhänge, doch die dunkelrote Abendsonne lässt sich so nicht aussperren.

Einige Monate später klingelte tatsächlich mein Telefon. Inzwischen hatte ich mich in die Materie eingearbeitet und kannte den Stand der Technik, jedenfalls soweit er veröffentlich war. Natürlich hatte ich auch von den Orfield Laboratories in Minneapolis gelesen, die den ruhigsten Raum auf der Welt geschaffen hatten, die Kammer der totalen Stille. Ich freute mich darauf, mein frisch angelesenes Wissen zu präsentieren.
Bald darauf traf ich Marvin in einer norddeutschen Kleinstadt, der Stadt, von der nach den Vorfällen wohl jeder gehört hat. Ich unterzeichnete alle möglichen Dokumente, die mich zur Verschwiegenheit verpflichteten und mir bei Nichteinhaltung den wirtschaftlichen Ruin und ewige Verdammnis androhten.
»Verschwiegenheit?«, fragte ich Marvin irritiert. »Ich dachte, ich schreibe eine Exklusivstory!«
»Nun warte doch mal ab!« Marvin legte mir die Hand beruhigend auf den Arm.« Es geht doch nur darum, dass du nichts in die Welt hinausposaunst, wenn wir hier grandios scheitern. Ansonsten entbinden wir dich natürlich von der Schweigepflicht. Aber als Augen- und vor allem Ohrenzeuge bist du mir sehr wichtig.«

Wiedergabe des Textes mit freundlicher Genehmigung des Verlags Torsten Low.

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