Lesefutter von einst

Will ich etwas über mein Schreiben sagen, muss ich wohl auch über mein Lesen sprechen – und damit meine ich die eigene Lesebiografie. Im elterlichen Haushalte gab es keine Bibliothek, auch keinen Bücherschrank oder ein Bücherregal. Meine Eltern waren als Flüchtlinge mit wenig mehr als der notwendigsten Kleidung in Westdeutschland angekommen, brauchten keine Fachbücher und lasen keine Romane. „Ich sag Dir alles“, ein weit verbreitetes Nachschlagewerk, stand neben dem „Doktorbuch“, ebenfalls aus dem Hause Bertelsmann. Diese Doktorbücher hatten der Generation meiner Groß- und Urgroßeltern wohl gute Dienste geleistet, weil ein Arzt entweder nicht verfügbar oder nicht bezahlbar war. Beides, Lexikon und Doktorbuch, sind längst durch das Internet verdrängt worden.

Der Deutsche Bücherbund und Bertelsmanns Lesering ersetzten uns die Buchhandlungen. Wenn einmal nicht rechtzeitig bestellt wurde, kam der Auswahlband des Quartals automatisch ins Haus. An die bunten Kataloge erinnere ich mich noch gut, die Angelique-Reihe schien kein Ende zu nehmen. So fand sich dann neben den bereits erwähnten Büchern auch ein Bildband über die Fußballweltmeisterschaft 1962 in Chile – weder mein Vater noch meine Mutter interessierten sich für Fußball (Nebenbei bemerkt: Deutschland schied im Viertelfinale gegen Jugoslawien aus, keine WM, zu der man unbedingt ein Buch haben muss!).
Die klassischen Kinderbücher sind wohl an mir vorbei gegangen, erst spät taucht Mark Twain mit Huck Finn und Tom Sawyer auf. Noch später die Meuterei auf der Bounty oder Robinson Crusoe.

Nach meinem ersten Karl-May-Buch gab es dann kein Halten mehr: Das war mein Autor! In den folgenden Jahren stand May regelmäßig auf meinem Wunschzettel und in manchen Jahren kauften meine Eltern mir sogar zwei seiner Bücher. Ich hatte inzwischen eine Schlafcouch mit einem Bettkasten und einem aufklappbaren Fach für meine Bücher. Durch die Wüste. Winnetou. In den Schluchten des Balkan. Wo auch immer dieser Balkan sein mochte.

Ging mir mal das Lesefutter aus, dann fing ich eben wieder von vorn an. Stadtbücherei? Nie gehört… oder vielleicht schon mal gehört, aber nie dagewesen, nicht in meinen ersten Lebensjahrzehnten.

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